Vera Danilowna Aschkinadse - Juden in Sachsen

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Vera Danilowna Aschkinadse

1922 wurde ich eingeschult. 1929 siedelten wir nach Moskau über. Dort habe ich die 7. Klasse beendet. Meine schulischen Leistungen waren nicht schlecht und da ich gut in Geometrie war, erhielt ich eine Empfehlung meines Mathematiklehrers und kam an die Moskauer Baufachschule. Nach Beendigung dieser Fachschule habe ich eine Zeit lang mit einem Architekten in einem Privatbüro gearbeitet. 1936 habe ich eine Stelle in dem wissenschaftlichen Forschungs- und Projektierungsinstitut „Swjazprojekt" bekommen.

Nachdem ich anderthalb Jahre dort gearbeitet hatte, habe ich einen Fortbildungskurs gemacht und wurde danach als Ingenieurin eingestuft. Innerhalb von zwei Jahren wurde ich zur Oberingenieurin befördert. In dieser Funktion habe ich bis zu meiner Pensionierung gearbeitet.

1938 habe ich Grigory Lejbowitsch Chasin, Jahrgang 1909, geheiratet. 1939 wurde unser Sohn Anatoly geboren.

Schon am ersten Kriegstag ging mein Mann an die Front. Im Sommer 1941 wurden ich, mein kleiner Sohn und meine Mutter nach Nowosibirsk evakuiert. Nach meiner Ankunft in der Stadt kam ich zum Flugzeugwerk „Tschkalov", wo ich bis zum Jahre 1943 gearbeitet habe. Das war sehr hart, denn wir haben praktisch ohne Feiertage und Urlaub gearbeitet. In Nowosibirsk erkrankte meine Mutter sehr schwer. Es war damals sehr schwierig für mich, gleichzeitig meiner Mutter zu helfen, mein Kind zu erziehen und auch noch arbeiten zu gehen. Aber ich habe dort eine Betriebswohnung in der sogenannten „Sozstadt" bekommen, die praktisch im Stadtzentrum lag. Immerhin funktionierte das Straßenbahnnetz, was sehr bequem war. 1944 wurde ich vom Leiter der Hauptverwaltung der Flugzeugindustrie aufgefordert, in Moskau als Wirtschaftsingenieurin zu arbeiten. Mein Ehemann, der Leutnant der Nachrichtentruppen war, wurde 1944 bei Königsberg schwer im Stirn-Schläfen-Bereich verwundet und für die Durchführung der komplizierten Operation in das Militärzentralhospital „Burdenko" in Moskau eingeliefert. Das Schicksal war gnädig, und er überlebte. Nachdem er gesundgeschrieben worden war, wurde er als Kriegsinvalide zweiten Grades eingestuft. Deswegen bekam er eine Teilzeitarbeit, zuerst als Ingenieur, später als Gruppenleiter.

Unsere finanzielle Situation war schwierig. 1947 wurde unsere Tochter Elena geboren. Mein Sohn, Anatoly, beendete 1956 die Mittelschule. Zwar hatte er die Eintrittsprüfungen ziemlich gut bestanden, aber eben nicht gut genug. Aus diesem Grund wurde er an der Moskauer Technischen Hochschule „Bauman", abgelehnt. Zuerst lernte er Radiomechaniker an der Technischen Berufsschule. Doch dank seiner Hartnäckigkeit, dem großen Interesse an Elektronik und seinen ausgezeichneten Fachkenntnissen, konnte er sich an der Hochschule für Fernmeldeanlagen und Fernmeldeleitungen immatrikulieren und sein Studium dort abschließen. Als Student im 10. Semester wurde er als Ingenieur am Institut für Geburtshilfe und Gynäkologie eingestellt. Nach zwei Jahren wurde mein Sohn an der Moskauer Medizinischen Hochschule immatrikuliert. Gleichzeitig arbeitete er weiter. Nach ein paar Jahren promovierte er und habilitierte zum Professor der Medizin.

Meine Tochter studierte Französisch an der Pädagogischen Hochschule „Lenin". Wegen des Antisemitismus war es für sie als Jüdin kompliziert, eine gute Stelle als Übersetzerin zu finden. Sobald bekannt wurde, welcher Nationalität sie angehörte, (damals hatten Juden praktisch keine Möglichkeit auszureisen), sagte man ihr sofort unter irgendeinem Grund ab. So war sie gezwungen, zunächst als Französischlehrerin mit sehr geringem Gehalt zu arbeiten. Später bekam sie eine Stelle als Übersetzerin an einem Forschungsinstitut für Eisen- und Stahlindustrie. 1970 ging ich in Rente, konnte aber noch zwei Monate im Jahr weiterarbeiten, denn damals gab es eine Regelung, dass Ingenieure und Techniker nicht mehr als zwei Monate pro Jahr mit vollem Gehalt arbeiten und dabei ihre Rente voll erhalten durften. Mein Mann war bis zu seinem siebzigsten Lebensjahr berufstätig. Vor der „Perestrojka" waren wir zwar nicht wohlhabend, aber es reichte zum Leben, da mein Mann zusätzlich zu seinem Gehalt noch einen Zuschlag als Kriegsinvalide bekam.

Seit 1995 leben wir alle, ich, mein Mann, meine Tochter und mein Sohn mit seiner Familie in Leipzig.

 
 
 
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