|
Die Präsentation des Internetportals "JUDEN in SACHSEN"- eine
Selbstverpflichtung des Deutsch- Russischen Zentrums Sachsen, zur
Realisierung des NATIONALEN INTEGRATIONSPLANES der Bundesrepublik
Deutschland im Freistaat Sachsen
Interview mit Herrn Herbert
Schmidt, Vorstandsvorsitzender des Deutsch- Russischen Zentrums Sachsen e.V.
Das Interview führte
Frau Susann Weien, Chefredakteurin des Internetportals "JUDEN in
SACHSEN"
Weien: Das Deutsch-Russische Zentrum (DRZ)
wurde 1994 gegründet und seit dieser Zeit ist die Integration von
Spätaussiedlern und von Jüdinnen und Juden, die als Kontingentflüchtlinge aus
der UdSSR und deren Nachfolgestaaten zu uns gekommen sind, ein
Arbeitsschwerpunkt des Zentrums. Warum tritt das DRZ jetzt, nach Zeiten doch
eher „gebremster“ Öffentlichkeitsarbeit, mit der Präsentation „JUDEN in
SACHSEN“, als Selbstverpflichtung zum NATIONALEN INTEGRATIONSPLAN, an die
Öffentlichkeit?
Schmidt: Im Jahre 2006 gab es für uns zwei
Anlässe, die letzten Endes zum Vorstandsbeschluss „Internet-Präsentation JUDEN
in SACHSEN“ vom Frühjahr dieses Jahres führten, aus dem dann die
Selbstverpflichtung resultierte. Mit der Präsentation wollen auch wir einen
Beitrag für die Integrationsdokumente des Freistaates Sachsen, der Stadt Leipzig
und des Landratsamtes Leipziger Land leisten, die ja wohl nun, nach und als
Bestandteile des Integrationsplanes zu erarbeiten sind.
Der eine Anlass war das die Gründung des JÜDISCHEN FORUM beim
DRZ und der andere der erste Integrationsgipfel der Bundesregierung im Jahre
2006, mit der für uns hochwillkommenen Absichtserklärung, Integration als
Staatsziel und als gesamtgesellschaftliche Aufgabe zu definieren und zu
dokumentieren, also Absicht, Ziel und Aufgaben von Integration in einem
NATIONALEN INTEGRTIONSPLAN festzuschreiben.
Der NATIONALE INTEGRATIONSPLAN liegt seit 12. Juli vor, als
Dokument des Bundesrates und der Bundesregierung. Wir hoffen, dass unsere Arbeit
nun noch effektiver und noch nachhaltiger sein kann, wenn sich das Land und auch
die Kommunen damit identifizieren und Mitarbeit einfordern. Die Lektüre des
Planes stimmen mich und meine Kolleginnen und Kollegen sehr optimistisch.
Weien: An „Selbstverpflichtungen“ erinnere ich
mich ebenso wie an „persönliche Kompasse“ aus meiner DDR-Jugend. Sie auch?
Schmidt: Ich auch. Worte stehen in Deutschland
nicht unter Denkmalschutz. Pläne und Selbstverpflichtungen sind, wenn man denn
will, überprüfbar. Dem wollen wir uns ebenso stellen, wie es die Bundesregierung
mit dem NATIONALEN INTEGRATIONSPLAN vorhat, über dessen Wirksamkeit bereits im
Herbst 2008, im Rahmen eines dritten deutschen Integrationsgipfels befunden
werden soll.
Frau Staatsministerin Prof. Dr. Böhmer schreibt in der
Einleitung zum NATIONALEN INTEGRATIONSPLAN, als Beauftragte der Bundesregierung
für Migration, Flüchtlinge und Integration, nachzulesen auf Seite 10 dieses
Dokumentes: „Die zweite Leitlinie unserer Integrationspolitik lautet daher: Von
jeder und jedem Selbstverpflichtungen in seinem und ihrem Verantwortungsbereich
einfordern, denn alle können etwas zum Gelingen von Integration in Deutschland
beitragen.“ Das begrüßen wir alle im DRZ ebenso, wie ihre Feststellung, dass
Integrationspolitik „einen nüchternen Umgang mit den Realitäten“ erfordert und
„Defizite nicht tabuisieren“ darf – nachzulesen auf Seite 11 des gleichen
Dokumentes. Auch deshalb diese unsere Selbstverpflichtung aus unserem
„Verantwortungsbereich“.
Weien: Warum wird die Präsentation „JUDEN in
SACHSEN“ der Präsentation „RUSSEN in SACHSEN“ vorgezogen?
Schmidt: Bereits im Jahre 2000 erschien in den
Editionen aus dem Deutsch-Russischen Zentrum zu Leipzig e.V. (unser damaliger
Vereinsname) die Arbeit von Friedhelm Kuschner, „Zwischen zwei politischen
Kulturen – Aussiedler in der Bundesrepublik Deutschland“, die vielen anderen mit
Integrationsarbeit befassten Vereinen und nachweislich auch staatlichen
Entscheidungsträgern geholfen hat, sich den Integrationsproblemen der
Spätaussiedler zu nähern, die als ehemalige Angehörige der deutschen nationalen
Minderheit der UdSSR oder deren Nachfolgestaaten zu uns, nach Deutschland
gekommen sind, aus dem ihre Vorfahren 250 Jahre früher nach Russland
auswanderten.
Drei Jahre später halfen MitarbeiterInnen des DRZ das Buch
„Russen in Leipzig“, ediert vom Europa-Haus Leipzig, herauszugeben.
Jüdinnen und Juden aus den Nachfolgestaaten der UdSSR, ehemalige
Angehörige der jüdischen nationalen Minderheit der UdSSR und ihrer
Nachfolgestaaten, die als Kontingentflüchtlinge nach Deutschland kamen, arbeiten
im Ehrenamt und in geförderten Arbeitsmaßnamen seit 1996 im und beim DRZ. Unser
Sozialdienst hat Verbindungen zu mehr als 600 jüdischen Familien. Die
Arbeitsgruppe Oral History unseres Instituts für West-Ost-Studien hat bisher
auch über einhundert Interviews mit Jüdinnen und Juden geführt, von denen eine
Auswahl in der Präsentation „JUDEN in SACHSEN“ publiziert werden soll.
Nicht nur am Rande: Bei den Juden ist es nicht anders als bei
den Deutschen auch: Nicht alle sind gläubig, nicht alle sind – z.B. in Leipzig –
Mitglieder der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig, zu der, zu deren
Vorstandsvorsitzenden Küf Kaufmann und zu deren Rabbiner wir ein enges und
freundschaftliches Verhältnis unterhalten, oder können das nach der Halacha
überhaupt sein. Viele kommen aus multinationalen Familien.
Vor allem von solchen und für solche Jüdinnen und Juden wurde
2006 das JÜDISCHE FORUM beim DRZ gegründet. Mit dem Forum und dessen Mitgliedern
arbeiten und wirken wir gemeinsam für die Renaissance eines deutschen Judentums
in Deutschland. Das ist uns allen – Jüdinnen und Juden, SpätaussiedlerInnen,
RussInnen, UkrainerInnen, ArmenierInnen, Deutschen und Angehörigen anderer
Nationalitäten im DRZ - ehrenvolle Verpflichtung und – unterdessen – ein
Schwerpunkt bei unseren Bemühungen um Förderung der Integration nach den
DRZ-Grundsätzen Fordern und Fördern, Hilfe zur Selbsthilfe und Selbstbestätigung
durch Selbstbetätigung, die wir alle drei bereits 1998 festgeschrieben haben und
seither praktizieren.
Weien: Sie sagen gelegentlich, dass Integration
immer nur die eine Seite „der Medaille“ sei. Die andere wäre der alltägliche
Kampf gegen real existierenden Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus.
Wie wird sich das in der Präsentation JUDEN in SACHSEN widerspiegeln?
Schmidt: Zu diesem „Beziehungsgefüge“ stehen
wir alle im DRZ. In allen Bereichen des DRZ, im Sozialdienst, im
Kommunikationstraining, im Integrationsklub GSHELKA, im Institut für
West-Ost-Studien, in der Integrationstouristik und in anderen Projekten wirken
immer auch Jüdinnen und Juden. Wir alle machen auch gemeinsame Erfahrungen mit
Antisemitismus.
Im Sächsischen Landtag gibt es nicht nur fünf Fraktionen
demokratischer Parteien, da sitzen auch die NPD-Männer und die NPD-Frauen.
Letztere wollten unter anderem nach der Konstituierung des amtierenden Landtages
anstatt einer Ausländerbeauftragten einen „Ausländer-Rückführungs-Beauftragten“
wählen lassen. Wir wissen, dass dabei vor allem auch Jüdinnen und Juden aus den
Nachfolgestaaten der UdSSR ins NPD-Kalkül gezogen waren. Die demokratischen
Parteien haben Frau de Haas gewählt; ihr fühlen wir uns in ihrer Arbeit nicht
nur deshalb verbunden, weil es ja zum Teil auch unsere Arbeit ist.
Antisemitismus ist heute in der Mitte der deutschen Gesellschaft
(wieder?) angekommen; in manch anderem EU-Mitgliedstaat auch. Dazu werden wir,
was vor allem Sachsen betrifft, in der Präsentation „JUDEN in SACHSEN“ aktuell
informieren. Gegen Antisemitismus in Deutschland anzugehen, ist – ebenso wie
Integration – eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Oder mal anders gesagt aber
auch so gemeint: „Verfassungsschutz“ sind wir in dieser Beziehung alle.
Weien: Wie sehen Sie die DRZ-Maxime
„Selbstbestätigung durch Selbstbestätigung“ im Kontext zur DRZ-Maxime Kampf
gegen Antisemitismus?
Schmidt: Zunächst: Gegen Antisemitismus zu
kämpfen ist besonders effektiv, wenn das in Deutschland Juden und Deutsche
gemeinsam bewirken. Damit haben wir im DRZ jahrelange und ausschließlich
positive Erfahrungen. Nicht nur bei Veranstaltungen mit Jugendlichen und Kindern
haben unsere jüdischen KollegInnen die sehr viel nachhaltigere Resonanz. Darauf
sind wir stolz. Und dabei helfen uns – Juden und Deutschen - auch die
gelegentlichen deutlichen Worte der Vorsitzenden des Zentralrates der Juden, der
von uns sehr geschätzten Frau Knobloch, in den Medien ebenso, wie das zu
Lebzeiten von Paul Spiegel bereits mit seiner Haltung der Fall war.
Die allermeisten Jüdinnen und Juden aus den Nachfolgestaaten der
UdSSR kamen zu uns mit großen Erwartungen, hohen Qualifikationen und mit einer
sagenhaften Motivation, sich in der neuen Heimat in die deutsche Gesellschaft zu
integrieren. Sprachprobleme waren das eine. Deshalb gibt es beim DRZ seit 1998
den Bereich Kommunikationstraining, übrigens von einer Spätaussiedlerin
geleitet. Defizite hinsichtlich jüdischer Geschichte der letzten hundert Jahre
bei ihnen und falsche Erwartungen und Praktiken einiger EntscheidungsträgerInnen
unterschiedlicher Ebenen in Deutschland hinsichtlich ihrer Religiosität waren
das andere (da kommen natürlich noch ein paar andere Probleme dazu).
Sie kamen – in der UdSSR primär über Arbeit sozialisiert – in
ein Deutschland mit hoher Arbeitslosigkeit und mit für sie
überdurchschnittlichen Zugangsbarrieren zum Ersten Arbeitsmarkt. Das betraf und
betrifft nicht nur Sprachdefizite.
Im DRZ haben wir alles getan, so viele Jüdinnen und Juden als
irgend möglich in die bei uns möglichen geförderten Arbeitsgelegenheiten zu
bringen und sie zur Arbeit im Ehrenamt zu motivieren. Die hohe Motivation und
die enorme Bereitschaft hat uns früher erstaunt. Heute stimulieren wir das
gemeinsam, auch durch beim DRZ ausgebildete IntegrationslotsInnen.
Kampf gegen Antisemitismus und Verständnis bei der
Aufnahmegesellschaft für die neuen oder potenziell neuen deutschen Staatsbürger
jüdischer Nationalität verbindet sich am besten, wenn man diese neuen deutschen
Staatsbürger der Öffentlichkeit „präsentiert“, besser, wenn sie sich selbst
präsentieren. Wir veranstalten Ausstellungen, Vorträge, Workshops; in unserem
Integrationsklub GSHELKA, geleitet von einem Juden, ist fast täglich „etwas
los“. Die Veranstaltungen der Integrationstouristik sind multinational
ausgelastet.
Und nun soll ein neuer Aspekt dieser unserer gemeinsamen
deutsch-jüdischen Arbeit unsere Präsentation „JUDEN in SACHSEN“ sein,
|
eine Präsentation von Juden und
Deutschen für Juden und Deutsche, |
|
eine angemessene Selbstverpflichtung
zur Realisierung des NATIONALEN INTEGRATIONSPLANes, |
|
eine Präsentation, die das
Jahrhunderte lange Zusammenleben von Deutschen und Juden in Europa und
Deutschland und die Bedeutung des Judentums für europäische und deutsche Kultur
und Zivilisation versucht widerspiegeln zu helfen, |
|
eine Präsentation für Integration und
gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus.
|
In diesem Sinne hoffe ich sehr, dass unser Internetportal „JUDEN
in SACHSEN“ von vielen Interessenten genutzt wird, wir aus dem Kreise der Nutzer
möglichst viele MitarbeiterInnen für die Gestaltung dieses Portals gewinnen
können und auch damit den Erwartungen der Nutzer immer besser entsprechen
können.
Dabei wünsche ich uns allen, besonders auch Ihnen, Frau Weien
und Ihrer Redaktion Erfolg, Spaß und das nachhaltige Wirken für Integration und
gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus.
|