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Sonntag, 05 September 2010
 
 
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Das Deutsch-Russische Zentrum will einen Beitrag zur Renaissance eines deutschen Judentums und für eine starke jüdische Gemeinschaft in Deutschland leisten und Antisemitismus in seinen unterschiedlichen Erscheinungsformen bekämpfen helfen.

Dabei haben wir die Erfahrung gemacht, dass diese Arbeit am effektivsten und nachhaltig ist, wenn an ihr so viel als möglich Jüdinnen und Juden beteiligt sind.

Von den Jüdinnen und Juden, die in den letzten beiden Jahrzehnten aus den Nachfolgestaaten der UdSSR nach Deutschland kamen, unterdessen deutsche Staatsbürger sind oder das werden wollen, wissen viele immer noch viel zu wenig. Wir wurden und werden oft gefragt: Warum haben sie ihre alte Heimat verlassen, um ausgerechnet in Deutschland eine neue Heimat zu finden? Was waren und sind ihre Erwartungen, wie leben sie und wie wollen sie künftig leben, was verbindet uns mit ihnen und was nicht?

Viele Jüdinnen und Juden arbeiten beim Deutsch-Russischen Zentrum im Ehrenamt, in ABM und in AGH. Die Antworten, die sie uns diese KollegInnen auf solche Fragen gegeben haben, veranlasste uns, im Jahre 2003 bei unserem Institut für West-Ost-Studien eine Projektgruppe für mündlich erfragte Geschichte zu etablieren, die von einem Juden, einem Psychologen geleitet wird und deren MitarbeiterInnen unterdessen über einhundert Interviews geführt haben, von denen wir nun einen Teil veröffentlichen können. Es kann immer nur ein Teil sein, da natürlich nicht alle Interviewpartner einer Veröffentlichung zustimmen oder wir auch nicht alles veröffentlichen wollen. Das hat unterschiedliche Gründe.

Unterdessen wird die Arbeit der Projektgruppe immer deutlicher zu einem Projekt "Oral History". Oral History ist eine geschichtswissenschaftliche Methode, Beteiligte und Betroffene historischer Ereignisse und Prozesse zu diesen Ereignissen und Prozessen in Interviews zu befragen und diese Interviews zu dokumentieren, um so retrospektive Informationen über Ereignisse, Einstellungen, Erfahrungen und persönliche Wertungen, also über individuelle Lebenserfahrung zu erfahren.

Manche von ihnen haben in Veranstaltungen des Deutsch-Russischen Zentrums, vor Schulklassen und anderen Gremien über ihr Leben gesprochen. Wenn unsere Präsentation „Zeitzeugen“ dazu beiträgt, dass unsere Zeitzeugen zu Gesprächen oder Veranstaltungen eingeladen werden, dann werden wir alles dafür tun, dass solchen Einladungen auch entsprochen werden kann.

Über Anfragen und Vorschläge zu diesem Teil der Arbeit des Deutsch-Russischen Zentrums freuen wir uns ebenso, wie über die Bereitschaft von Jüdinnen und Juden unseren Mitarbeitern der Projektgruppe „Oral History“ Interviews zu gewähren.

Die Zeitzeugen, die wir Ihnen mit ihren Lebenserfahrungen in unserem Internetportal „JUDEN in SACHSEN“ vorstellen, gaben für die Veröffentlichung ihrer Interviews vor allem deshalb ihre Zustimmung, weil sie damit ihren sehr persönlichen Beitrag für eine starke jüdische Gemeinschaft in Deutschland und im Kampf gegen Antisemitismus einbringen wollen. Das verdient unseren Respekt und unsere Dankbarkeit.


Nadja Lenzendorf
Leiterin des Sozialdienstes/IntegrationslotsInnen beim Deutsch-Russischen Zentrum Sachsen e.V.


 
Grigory Shulman PDF Drucken E-Mail
Lebensbericht des Raketenbauingenieurs Grigory Shulman. Er lebt seit 2003 in Leipzig.

"Der Winter in Kasachstan ist sehr hart: nicht abreißende Schneestürme, Frost bis Minus 30 Grad Celsius und mehr. Zweimal am Tag erhielten wir ein sehr dürftiges Essen. Bis zum Speiseraum mussten wir durch tiefen Schnee laufen, der sich in den Schuhen ansammelte. Wir gingen im Gänsemarsch, hielten uns alle mit einer Hand an einem Strick fest, um einander nicht zu verlieren. Mit der anderen Hand rieben wir uns das Gesicht, um es vor Erfrierungen zu schützen."

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Galina Bordo PDF Drucken E-Mail
Lebensbericht der Ingenieurin Galina Bordo. Sie lebt seit 2003 in Leipzig.

"Der Vater einer meiner Schulfreundinnen erzählte uns damals oft von seiner Kindheit, noch vor der Revolution, an der Grenze zwischen der Ukraine, Weißrussland und Polen. Die Einwohner seines Heimatortes lebten in Eintracht miteinander. Ostern wurde nach jüdischen, orthodoxen und katholischen Traditionen gefeiert. Die Pogrome waren in seinen Erzählungen das Werk fremder, von der Macht gedungener Leute, nicht das der Einheimischen."

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Maja Arkadjewna Chagowskaja PDF Drucken E-Mail
Lebensbericht der Logopädin Maja Arkadjewna Chagowskaja. Sie lebt seit 2003 in Leipzig.

"In den Jahren von 1947 bis 1952 arbeitete mein Vater als Zweiter Sekretär des Nikolajewsker Bezirkskomitees der KPdSU. Er absolvierte die Parteihochschule. Im Januar 1953 wurde er festgenommen. Erst Stalins Tod beendete die Gefängnishaft, für die ihm keiner je eine Begründung gab. Die Arbeit im Bezirkskomitee der KPdSU war ihm, so wie auch vielen anderen seiner jüdischen Kollegen, verbaut. Die Tschekisten sagten ihm: 'Seien Sie froh, dass Sie nicht in den Lagern krepiert sind.'" 

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Jakob Kramer PDF Drucken E-Mail
Lebensbericht des Straßenbauingenieurs Jakob Kramer. Die Familie Kramer lebt seit dem Jahr 2001 in Leipzig

"Wir sind im Januar 2001 nach Deutschland gezogen. Im Herbst 2003 hatte ich Gelegenheit, die Stadt Erfurt zu besuchen und beim Spaziergang durch die Stadt den Spuren meines Großvaters Abraham Guterman zu folgen. Wer weiß, welchen Verlauf das Schicksal meiner Familie ohne den Krieg genommen hätte?"

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