Sportpark - Juden in Sachsen

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Sportpark des Sportklub „Bar Kochba“ Leipzig e. V.

(1920-1924) In Leipzig existierte bereits seit 1919 ein jüdischer Turnverein mit dem Namen Bar Kochba, der jedoch nicht im Vereinsregister des Leipziger Amtsgerichtes eingetragen wurde. Die Namenswahl lässt darauf schließen, dass sich besagter Leipziger Turnverein in der Tradition zionistisch ausgerichteter Sportvereine sah. Aus diesem Turnverein gingen die beiden (…) Vereine »Sportklub Bar Kochba Leipzig« und »Jüdischer Tum- und Sportverein Bar Kochba Leipzig«. hervor.

Am 19. August 1920 gründeten etwa 50 Personen im Italienischen Garten in Leipzig den Verein »Sportklub Bar Kochba Leipzig«. Im Gründungsprotokoll wurde zunächst die Abtrennung vom »Turnverein Bar Kochba Leipzig« beschlossen. Begründet wurde sie damit, dass eine Zugehörigkeit zum Verband Mitteldeutscher Ballspielvereine (VMBV) angestrebt wurde. In diesem Verband vereinigten sich die mitteldeutschen Rasensportvereine. 1900 in Leipzig gegründet, umfasste er in etwa die heutigen Bundesländer Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Der VMBV veranstaltete »Fußballwettspiele« und »Leichtathletische Wettkämpfe« nach den Regeln des Deutschen Fußballbundes (DFB) und der Deutschen Sportbehörde für Leichtathletik (DSB). Um sich am Ligabetrieb des Gaus Nordwestsachsen beteiligen zu können, war eine Mitgliedschaft im VMBV unumgänglich.

Laut Paragraph 1 seiner Satzung hielt sich der Verband Mitteldeutscher Ballspielvereine frei von jeder Politik und Religion. Im Gründungsprotokoll des »Sportklubs Bar Kochba Leipzig« war bezüglich der Abtrennung vom Turnverein zu lesen, dass eine Zugehörigkeit zum VMBV in Verbindung mit dem »Turnverein« nicht erreichbar wäre, da bei diesem Politik und Religion im Vordergrund standen. Das Vereinsziel des neu gegründeten »Sportklubs Bar Kochba Leipzig« wurde demnach entsprechend neutral formuliert. Im Mittelpunkt stand »die Erziehung der Jugend sowie die Hebung der Volksgesundheit durch Pflege und Förderung aller Leibesübungen«. Politische oder religiöse Ziele wurden laut Satzung nicht verfolgt, wohl um die angestrebte Integration in den VMBV nicht zu gefährden.

Unmittelbar nach der Gründung zählte der Verein etwa 60 Mitglieder, im November gleichen Jahres bereits 300. Die Eintragung des »Sportklubs Bar Kochba Leipzig« beim Amtsgericht erfolgte am 12. März 1921 unter Nr. 850 des Vereinsregisters. Der Vorstand setzte sich zusammen aus dem ersten Vorsitzenden Adolf Rotter, Kaufmann, dem zweiten Vorsitzenden Dr. Ludwig Lehrfreund, Rechtsanwalt, und dem ersten Schriftführer Leopold Gerson, ebenfalls Kaufmann.

Die vom Verein angebotenen Sportarten waren vorerst Fußball, Leichtathletik, Netz- und Stockball. Die Geschäftsstelle befand sich im Stadtzentrum am Brühl 45. Der Briefkopf aus dem Jahr 1921 bestätigt die Mitgliedschaft im Verband Mitteldeutscher Ballspielvereine. Da dem Verein in der Anfangszeit kein eigener Sportplatz zur Verfügung stand, wurde zunächst mit Pachtvertrag auf dem Platz der Spielvereinigung Leipzig in der Demmeringstraße im Stadtteil Lindenau trainiert. Jedoch machte der stetige Zuwachs an Mitgliedern bald eine eigene Sportanlage erforderlich.

Am 27. Februar 1921 wurden 30.500 m² Gelände zwischen Dübener Landstraße und Delitzscher Straße in Leipzig-Eutritzsch gekauft und zum Sportpark Bar Kochba ausgebaut. Die Planung übernahm der deutsch-jüdische Architekt Wilhelm Haller, der unter anderem auch für das 1927 erbaute Friedhofsgebäude des Neuen Israelitischen Friedhofs und für den Umbau des Jüdischen Jugendhauses in der Elsterstraße 7 in den Jahren 1930 und 1931 verantwortlich zeichnete. Von Juni 1922 bis November 1924 war Haller zweiter Vorsitzender des »Sportklubs Bar Kochba Leipzig«. Ein Großteil des Baus der Sportanlage wurde durch Eigenleistungen der Mitglieder erbracht. Die Anlage bestand zunächst aus einem großen Fußballfeld mit Aschelaufbahn, Dämmen und einem kleinen Feld, später kamen noch Tennisfelder hinzu. Im Herbst 1922 wurde sie fertig gestellt und am 29. Oktober 1922 mit einem Pokalspiel gegen Hakoah Zürich eingeweiht.

Der Verein verfügte zu diesem Zeitpunkt schon über rege nationale und internationale Kontakte zu anderen jüdischen Sportvereinen, u. a. in Zürich, Berlin, Dresden und Nürnberg. Mit der Schaffung einer eigenen Platzanlage ging auch die Hoffnung auf einen noch größeren Mitgliederzuwachs einher. Als Haupttätigkeit wurde die »größtmögliche Einwirkung auf die einzelnen Mitglieder [...] in sportlicher als auch sittlicher Hinsicht« betrachtet. Auch sollten durch eine »größtmögliche öffentliche und private Propaganda« geeignete Erziehungspersonen gefunden werden und dabei auch »geistig orientierte Kreise wie Lehrer und Anwälte« für die Vereinsbestrebungen gewonnen werden. Ebenso wollte man der Jugendpflege einen überragenden Platz im Verein einräumen. Dabei sollten weder die sportliche noch die ideelle Seite vergessen werden. Vereinsgeist, so hieß es in der Festschrift zur Weihe des Sportparks Bar-Kochba Leipzig, könne nur durch Konzentration und Zentralisation entstehen. Diese Voraussetzung sei nun durch die neue Platzanlage erfüllt. Gekrönt wurde die Platzweihe mit einem Ball am 12. November 1922 in den Sälen des Leipziger Zoos mit Tombola, Kabarett, diversen Orchestern und kaltem Buffet. Karten im Vorverkauf konnten unter anderem im Kaufhaus am Brühl und im Kaufhaus Ury am Königsplatz erworben werden.

Der Verein gab sich, trotzdem der Name Bar Kochba auf eine Verankerung in der zionistischen Sportbewegung hindeutet, einen bewusst neutralen politischen Anstrich. Das für zionistische Sportvereine typische Ziel der »Pflege des Turnens und anderer Leibesübungen als Mittel zur Hebung des jüdischen Stammes im Sinne der nationaljüdischen Idee« war weder in der Vereinssatzung verankert, noch wurde es öffentlich in den Reden zur Platzweihe propagiert. Der bereits oben erwähnte Wunsch der Teilnahme am sächsischen Ligabetrieb und die daran geknüpfte Zugehörigkeit zum VMBV können hierfür als ursächlich angesehen werden.

Mit dem Vereinsvorsitzenden Dr. Ludwig Lehrfreund war ein aktiver Zionist in das Führungsgremium des Vereins gewählt worden. Bezeichnenderweise hatte dieser sich bei der oben erwähnten Abtrennung vom »Turnverein« gegen die Separation stark gemacht. Sein Vorschlag einer Zusammenarbeit dahingehend, dass jedes Vorstandsmitglied des »Sportklubs« gleichzeitig auch Vorstandsmitglied des »Turnvereins« sein sollte, wurde von der Mehrheit der Vereinsmitglieder abgelehnt. Bereits hier zeigte sich das Engagement Lehrfreunds für den Zusammenhalt innerhalb der Leipziger jüdischen Gemeinde. Lehrfreund, der den Verein fast durchgängig von dessen Gründung bis zur Auflösung begleitete und aktiv mitgestaltete, machte sich auch außerordentlich für die Belange ostjüdischer Menschen stark, deren Anteil in Leipzig besonders hoch war. In der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus kämpfte er kontinuierlich um das allgemeine und gleiche Wahlrecht für den Gemeinderat der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig.

Nach zweijährigem Bestehen verfügte der »Sportklub Bar Kochba Leipzig« bereits über 900 Mitglieder und war somit einer der größten Vereine des Verbands Mitteldeutscher Ballspielvereine.

Quelle: Leipziger Stadtgeschichte: Jahrbuch 2011 | von Markus Cottin (Herausgeber), Detlef Döring (Herausgeber), Gerald Kolditz (Herausgeber) | Sax-Verlag

SK Bar Kochba
Medaille Bar Kochba
 
 
 
Bar Kochba - Jüdische Sportler in Leipzig
Bar Kochba - Jüdische Sportler in Leipzig | 08.11.2013 | 8 Min. | Quelle: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
08.11.2013 | 8 Min. | Quelle: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
 
Jüdische Sportgeschichte fällt in Leipzig Bauarbeiten zum Opfer
Jüdische Sportgeschichte fällt in Leipzig Bauarbeiten zum Opfer SACHSEN FERNSEHEN
SACHSEN FERNSEHEN
 
Jüdischer Sportplatz in Gefahr | mephisto 976 | 05.03.2016
Jüdischer Sportplatz in Gefahr
Mephisto 97.6-Redakteurin Charlotte Domberg hat mit Christoph David Schumacher von Tülphausen e.V. und SPD- Politiker Christopher Zenker über den Baustop und über Pläne einer Erinnerungskultur gesprochen.
 
Pressefotos zu SK Kochba
 
 

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