Sara Gendler - Juden in Sachsen

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Sara Gendler

Nach unserem Umzug nach Kiew im Jahre 1928 arbeitete mein Vater in einer Konditorei gearbeitet. Meine Eltern ließen sich 1935 scheiden. Wir waren eine große Familie. In unserem Hause lebten mit uns die Großmutter mütterlicherseits, Ester, und zwei unverheiratete Schwestern meiner Mutter, die von Geburt an teilbehindert waren. Sie hatten Hör- und Sprachprobleme. Eine von ihnen, Tante Anja, wurde von meinem Großvater zu einer Näherin in die Lehre gegeben. Vor meiner Heirat im Jahre 1948 verdiente sich Tante Anja ihren Lebensunterhalt als Näherin einer Invalidenarbeitsgenossenschaft. Nach meiner Heirat hat mein Ehemann, der Militärangehöriger war, meine Tante in unsere Familie aufgenommen und unterhielt sie auch. Sie lebte bis zu ihrem Tode im Jahr 1982 bei uns. Tante Anja teilte mit mir die Last des Nomadenlebens, das in der Regel für viele Offiziersfamilien typisch war, half mir mit dem Haushalt und den Kindern, benähte die ganze Familie, kochte sehr lecker und war für mich wie meine zweite Mutter.

Die Eltern meiner Mutter, Großmutter Ester und Großvater Abraham, hatten zehn Kinder: fünf Jungen und fünf Mädchen. Meine Mutter war die jüngste Tochter der Familie und das Nesthäkchen. Als sie zur Welt kam, war meine Großmutter Ester bereits 53 Jahre alt. Fast zeitgleich kam Mutters Nichte, die Tochter ihres ältesten Bruders, Aron, zur Welt. Mutter und ihre Nichte wuchsen gemeinsam auf und blieben ihr Leben lang eng befreundet. Obwohl sie später in verschiedenen Städten lebten, besuchten sie einander oft. Um sich vor den in der Ukraine wütenden Pogromen zu retten, waren Mutters Bruder Nusja (Natan) und zwei ihrer Schwestern, Basja (Batja) und Sina (Selda) in den Jahren 1922 bis 1925 nach Palästina ausgereist. Sie nahmen später aktiv am Aufbau des Staates Israel teil. Einige ihrer zahlreichen Enkel und Urenkel bekleiden heute in Israel wichtige Staatsposten.

Nach unserem Umzug in die Hauptstadt Kiew im Jahre 1928 ging ich in den Kindergarten. Ich hatte eine Hauslehrerin, die mir Klavierspielen und Tanzen beibrachte. Sie war Ballerina am Kiewer Operntheater. Meine Eltern kauften für mich ein altes deutsches „Becker"-Klavier. Dieses Klavier machte alle Umzüge unserer Offiziersfamilie mit. Nur während unserer Evakuierung blieb das Musikinstrument zu Hause. Unsere Nachbarn im Treppenhaus nahmen es zu sich und bewahrten es bis zu unserer Rückkehr auf. Erst 1961 in Leningrad mussten wir uns von dem „Becker" trennen, weil es vom Nomadenleben und den vielen Umzügen ganz verstimmt war und auch nicht mehr richtig gestimmt werden konnte. Es blieben nur alte Kerzenhalter. Das Klavier spielen ist mir in meinem Leben sehr zustatten gekommen. Als mein Ehemann einmal seinen Dienst in einer Militäreinheit weit hinter dem Ural ableisten musste, fand ich Arbeit als Musikerzieherin in einem Kindergarten. Ich habe mit den Kindern Kinderlieder eingeübt und sie beim Tanzen auf dem Klavier begleitet. Außerdem war ich Laienkünstlerin. Ich begleitete die Solosänger und den Chor der Soldaten, Offiziere und ihrer Familienangehörigen. In Vorbereitung auf die Schule erhielt ich privat Französischunterricht. 1933 kam ich in die Schule und konnte bis zum Ausbruch des Krieges acht Klassen beenden. Wir wohnten nicht weit vom Zentrum in der Saksagaski–Straße in einer Fünfzimmerkommunalwohnung. Wir hatten zwei große Zimmer mit einem riesigen Balkon. In einem Zimmer wohnte meine Großmutter mit den zwei Tanten, im anderen wohnten meine Eltern und ich. Außer uns wohnten in der Wohnung zwei jüdische und eine russische Familie in jeweils einem Zimmer.

Vor dem Krieg hat man in unserer Familie jüdische Traditionen befolgt und die jüdischen Feiertage gefeiert. Es gab spezielles Ostergeschirr, das wir nur einmal im Jahr zu Pessach benutzten. Dieses Geschirr haben Mutter und Oma meiner Tante Sina geschenkt, als sie uns 1936 in Kiew besuchte. Sie lebte damals schon in Palästina. Zu allen jüdischen Feiertagen kochten meine Tanten Anja und Sonja gefüllten Fisch. Zu Pessach hat man Mazza und zu jedem Sabbat „Haly" (Hefemilchbrötchen) gebacken. Ich erinnere mich nicht daran, ob sie eine Synagoge oder andere Gebetshäuser besuchten. Großmutter und meine Tanten waren gläubig, aber nicht orthodox. Sogar als wir in den weit entlegenen Militäreinheiten lebten, im Baltikum oder im Transuralgebiet und obwohl wir fast überall die einzigen Juden waren, hat Tante Anja immer Sabbathaly gebacken, die es auch in der Form der üblichen Brötchen gab. Zu den jüdischen Feiertagen bereitete sie gefüllten Fisch, „Vorschmak" (klein geschnittenen Hering), Leberpastete, gefüllte Hühnerhälse und Hühnerbrühe mit hausgemachter Mazza oder hausgemachten Nudeln zu.

Als am 22. Juni 1941 der Krieg begann, waren wir alle zu Hause und wachten gegen vier Uhr morgens von lauten Einschlägen geweckt auf. Wir liefen auf den Balkon hinaus und sahen, dass der Flughafen bombardiert wurde. Keiner verstand, was geschah. Ein Nachbar wollte vom Fenster aus gesehen haben, dass ein Krankenwagen zum Flughafen gerast war. Da begriffen wir, dass sich Furchtbares ereignet haben musste. Erst am nächsten Tag um zwölf Uhr hörten wir die Radiomeldung: Das faschistische Deutschland hatte die UdSSR angegriffen. In Kiew brach Panik aus. Wir beschlossen zu fliehen, zuerst zu Mutters älterem Bruder Aron, der mit seiner Familie in Donezk lebte und dann mit ihm gemeinsam bis weit hinter den Ural. Vor unserer Abreise, im Juli, starb meine Tante Sonja an Lungenentzündung. Es gab keine Medikamente. Alles wurde an die Front geschickt. Ende August starb auch Großmutter Ester. Sie war bereits 90 Jahre alt. Aus Donezk fuhren wir – ich, meine Mutter, Tante Anja, Onkel Aron, seine Ehefrau, seine Tochter und seine Enkelin Ada, die jetzt in Israel lebt - in die Stadt Nowoorsk im Orenburger Gebiet, wohin bereits Onkel Arons Schwiegersohn, der Hauptbuchhalter der Donezkyj Bank, ausgereist war. 1942 besuchte ich ein Jahr die nach Orsk evakuierte Dnepropetrowsker polytechnische Fachschule. Mutter fand Arbeit bei der Orsker Eisenbahn. Tante Anja blieb bei unseren Verwandten. Sie arbeitete als Näherin in einer Arbeitsgenossenschaft. Statt mit Geld hat man ihre Arbeit mit Lebensmittelprodukten bezahlt und das hat der großen Familie geholfen, den Krieg zu überleben.

Während des Krieges habe ich erstmals Bekanntschaft mit Vorurteilen gegenüber Juden machen müssen. In Orsk – ich war damals Studentin der polytechnischen Fachschule – besuchte ich mit meinen Freundinnen ein Lazarett. Wir halfen den Soldaten des Lazaretts, Briefe zu schreiben und zu lesen. Wir lasen ihnen auch aus Büchern vor. Einmal, als ich wie immer mit meiner Freundin ins Lazarett kam, sagte ein Soldat, die jüdische Aussprache nachahmend, höhnisch zu mir: „Ei, Saralein, du bist es. Was willst Du denn hier?" Das war gemein und kränkte mich sehr. Ich lief weg und weinte. Meine Freundin hat mich getröstet.

Kiew wurde im Oktober 1943 befreit. Meine Mutter, Tante Anja und ich wollten zurück nach Hause. Ohne Passierschein war es jedoch unmöglich, nach Kiew zu fahren. Mutters Chefin hatte eine Genehmigung für die Einreise in die Stadt Melitopol auf der Krim. In Melitopol ging ich in die 10. Klasse und beendete 1944 die Schule. In dieser Zeit fuhr meine Mutter allein nach Kiew. Sie bekam bei der Eisenbahn eine Stelle als Verkäuferin. Während des Krieges, als wir in der Evakuierung waren, nahm die russische Familie unser Mobiliar und den Hausrat unserer Nachbarn und zog in ein anderes Wohnviertel um. Als wir zurückkamen, weigerten sie sich, uns unser Eigentum zurückzugeben. Auch unsere Zimmer in der Kommunalka verloren wir. Die Leute, die sich in die Zimmer einquartiert hatten, verwehrten uns gewaltsam den Zutritt zu unseren Zimmern. Sie waren bewaffnet. Es gab auch keine Möglichkeit, rechtlich gegen die neuen Bewohner vorzugehen. Als Militärangehörige waren sie durch das Gesetz geschützt. So haben wir nach dem Krieg fast all unseren Hausrat verloren. Mutter lebte vorübergehend bei ihrer Freundin. Nach der Schule kehrten ich und Tante Anja nach Kiew zurück. Einige Zeit hausten wir alle zusammen bei Mutters Freundin. Später heiratete Mutter zum zweiten Mal und wir zogen zu ihrem Ehemann.

1945 studierte ich am Finanzwirtschaftlichen Institut. Drei Jahre später heiratete ich und führte mit meinem Ehemann, der Offizier war, ein Nomadenleben. Wo mein Ehemann zum Dienst eingesetzt wurde, dorthin reiste auch unsere Familie mit. 1948 kam unsere Tochter zur Welt, 1953 – unser Sohn. Mein Ehemann nahm 1960 Abschied vom Militärdienst und wir zogen nach Leningrad. In all den Jahren danach habe ich in verschiedenen Betrieben als Buchhalterin gearbeitet. Auf Arbeit habe ich keinerlei Vorurteile mir gegenüber verspürt. Ich kam mit meinen Mitarbeitern immer sehr gut aus. Meine Mutter ist im Jahr 1986 in Odessa gestorben. Dort habe ich sie auch begraben lassen. Neun Jahre später verstarb mein Ehemann. Wir hatten 47 gemeinsame Jahre. 2002 bin ich nach Deutschland ausgereist und zu meiner Tochter gezogen, die zu diesem Zeitpunkt bereits in Leipzig lebte.

Übersetzung: Irina Trippel

Der Text entstand auf der Basis eines Interviews, das Mitarbeiter des Projekts „Oral History" (IWOS Leipzig beim DRZ Sachsen e. V.) geführt haben. Leiter des Projekts: Igor Kadykov.

 
 
 
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