Reisl Hofman - Juden in Sachsen

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Reisl Hofman

Anna absolvierte die medizinische Fachschule und arbeitete als Krankenschwester. Lisa und ich schlossen die pädagogische Fachschule ab. Ich arbeitete als Lehrerin in der Grundschule und Lisa als Kindergärtnerin in einem Kindergarten. Anna heiratete 1935 Boris Friedmann, der Buchhalter war. 1936 hat sie ihre erste Tochter, Felja, und 1939 ihre zweite Tochter, Nina, zur Welt gebracht.

Im Jahre 1938 habe ich Avram Nudel geheiratet. Er war Direktor eines Sportgeschäfts. 1939 wurde unser Sohn Jakov geboren. Lisa heiratete 1940 Grigorij Edelson, der Angestellter war. Zu Beginn des Großen Vaterländischen Krieges waren alle unsere Ehemänner zur Verteidigung der Heimat aufgerufen. Sie gingen an die Front und kehrten nicht mehr zurück. Mein Ehemann Avram ist seit 1944 verschollen. Die zahlreichen Anfragen an unterschiedliche Institutionen haben nichts gebracht, die genaue Stelle, wo er gefallen war, konnte nicht geklärt werden. Für Boris und Grigorij bekamen wir Gefallenenmeldungen.

Schon in den ersten Kriegsmonaten waren wir nach Alma-Ata evakuiert worden. Unterwegs wurde unser Zug bombardiert. Es gab kein Wasser. Mein zweijähriger Sohn Jakov erkrankte an Diphtherie und nur ein Wunder hat ihn wieder auf die Beine gebracht. Im Zug, auf dem Weg zum Evakuierungsziel, hat Lisa am 16. November 1941 ihre Tochter Tamila zur Welt gebracht. In Alma-Ata arbeitete unser Vater als Sattler in einer Vorortkolchose. Wir wurden im Haus der Grigorjewys untergebracht, die Russen waren. Ihre Vorfahren waren einstmals nach Kasachstan verbannt worden. Grigorjewys waren eine sehr gutherzige und mitfühlende Familie. Da ihr Sohn auch zur Roten Armee einberufen worden war, gewährten sie uns Obdach.

Ich arbeitete als Lehrerin und gleichzeitig als Brigadier einer Gartenbrigade im Kolchos. Dadurch kamen wir an einige Lebensmittel, mit denen wir diese schwierige Zeit überleben konnten. In diesen Jahren der Evakuierung machten wir viel durch. Wir arbeiteten damals mehr als 16 Stunden pro Tag. Später wurde ich mit einer Medaille Für Heldenmut bei der Arbeit während des Großen Vaterländischen Krieges ausgezeichnet. Nach dem Krieg sind wir nach Schitomir zurückgekehrt und lebten alle zusammen als Großfamilie: unsere Eltern, wir drei Schwestern und unsere Kinder. Insgesamt waren das neun Personen.

Natürlich war es für unsere Eltern eine große Tragödie, alle drei Schwiegersöhne zu verlieren. Unser Vater, Haim Hofman, war der einzige überlebende Mann in der Familie. Er organisierte wieder eine Sattlerbrigade und arbeitete für vier, um unsere große Familie zu ernähren. Ich arbeitete als Lehrerin und habe immer darauf gewartet, dass mein Mann Avram von der Front zurückkommt. Später aber verstand ich, weshalb „verschollen" viel schlimmer war als „gefallen". Die große Zahl von „Verschollenen" ist dadurch zu erklären, dass viele unserer Kommandeure keine Möglichkeit gehabt hatten, die Namen von im Kampf Gefallenen festzustellen und sich dieses auch nicht zum Ziel gesteckt hatten. Die Hoffnung auf Avrams Rückkehr blieb bestehen. Am meisten träumte mein Sohn von einem Wiedersehen mit seinem Vater, an den er sich nicht wirklich erinnern konnte. Es hat sich so ergeben, dass ich nach drei glücklichen Jahren mit meinem Mann, für den Rest meines Lebens Witwe geblieben bin und mich der Erziehung meines Sohnes gewidmet habe. Aber so erging es auch vielen anderen Frauen meiner Generation.

Ich arbeitete über dreißig Jahre als Grundschullehrerin (1.-4. Klasse) und habe acht Jahrgänge in die oberen Klassen verabschiedet. Ich bin stolz darauf, dass viele meiner Schüler ihren Platz im Leben gefunden haben oder berühmte Menschen geworden sind, dabei aber immer an ihre Lehrerin gedacht, Briefe geschrieben und zu den Feiern gratuliert haben. Das wichtigste aber ist, dass aus ihnen ehrliche, anständige Menschen geworden sind, für die man sich nicht schämen muss.

Die Nachkriegsjahre waren nicht weniger hart als die vorangegangenen Jahre. Das Brot wurde auf Lebensmittelkarten ausgegeben und die Menschen standen in langen Schlangen an, um etwas zu kaufen. Mein Sohn Jakov wurde 1946 eingeschult. Später, 1953, besuchte er die Baufachschule. Dort wurde ihm ein Stipendium ausgezahlt, was ein bisschen zum Leben beigetragen hat. Mein Sohn wollte eben auch seinen Beitrag zum Haushalt leisten. Ich erinnere mich gerne an den ersten Kriegstag, da die Erzählungen aus dieser Zeit die Berufswahl meines Sohnes beeinflusst haben. Am Anfang des Krieges wurden viele zum Militärdienst einberufen. Dort erhielten sie ihre Grundausbildung in einem Schnellkurs. Mein Mann kam dann zur Artillerie. Als die Zeit gekommen war, den Einberufenen das Schießen beizubringen, wurden sie auf den Kanonenlauf gesetzt und erst dann wurde geschossen. Viele hatten Angst, auch mein Mann. Als ich ihn damals besuchte, hat er mir unter Tränen davon erzählt. Auch ich musste weinen. Später habe ich diese Geschichte meinem Sohn, damals noch ein Schüler, erzählt. Daraufhin hat er gesagt: „Ich werde Artillerist".

Ich möchte auch einige Worte zum Antisemitismus sagen, denn mit diesem Problem wurden viele Juden in der ehemaligen Sowjetunion konfrontiert. Es existierte dort ein Staats- und als Folge auch ein alltäglicher Antisemitismus. Im Alltag hat ihn mein Sohn als Kind noch in Form von Beleidigungen seitens seiner Altersgenossen erlebt. Als er einmal nach Hause kam und dem Großvater von den Beschimpfungen erzählte, ballte der seine Finger zur Faust zusammen und sagte: „Erteile ihnen eine Abfuhr! Sei kein Schwächling! Wenn du ein Jude bist, dann bemühe dich, stark und klug zu sein!" Und mein Sohn fing an zu trainieren. Er ist Schwerathlet und Ringkämpfer geworden. Außerdem hatte er ausgezeichnete Leistungen in der Schule und half seinen Mitschülern immer bei den Hausaufgaben. Deshalb spielte dieses Thema im Alltag für ihn keine Rolle mehr.

Anders war es mit dem Staatsantisemitismus. Ein Jude konnte sehr gute Leistungen erbringen und trotzdem war für ihn der Weg zu den vielen Universitäten und Hochschulen für immer versperrt. Nach Beendigung der Technischen Fachschule wollte mein Sohn im Stadtwehrkommando seine Papiere für die Einschreibung an der Schitomirsker-Rotbannerorden-Flakartilleriehochschule abgeben. Schließlich hatte er sich doch geschworen, Artillerist zu werden! Diese Hochschule bildete damals Flugabwehroffiziere aus. Normalerweise war aufgrund der dort zugänglichen Geheiminformationen Juden der Zugang versperrt. Aber als der Abteilungsleiter im Stadtwehrkommando die Liste mit seinen ausgezeichneten Zensuren gesehen hatte, machte er eine Ausnahme und leitete die Papiere meines Sohnes für die Aufnahmeprüfung weiter. Mein Sohn hat alle Prüfungen mit der Note „Fünf" bestanden, was aber noch nichts zu bedeuten hatte. Er sollte noch ein persönliches Gespräch mit einer Prüfungskommission bestehen, die alle Entscheidungen traf und deren Maxime lautete, Juden nicht zuzulassen! Da stellte der Vorsitzende der Aufnahmekommission meinem Sohn folgende Frage: „Und warum möchten Sie, Jakov Avramovitsch Nudel, hier studieren?" Für sich hatte er bereits die Entscheidung getroffen und sogar schon die Ausweispapiere meines Sohnes zur Seite gelegt. Da erzählte Jakov die Geschichte mit der Kanone, auf die sein Vater beim Schießen gesetzt worden war und dass er diese Entscheidung, Artillerist zu werden, schon in der dritten Klasse getroffen hatte und seitdem alles tat, um sich darauf vorzubereiten. Und tatsächlich - er wurde aufgenommen! Das war 1957. 1960 schloss er sein Studium an dieser Hochschule ab und leistete seinen Militärdienst an verschiedenen Standorten.

1966 starben meine Mutter und 1968 auch mein Vater. Im selben Jahr, d. h. 1968, heiratete mein Sohn Elena Savinetz und ein Jahr später kam ihr Sohn Dima zur Welt. Ich ging in Altersrente und zog an den Wohnort meiner Kinder. Seitdem sind wir immer zusammen. 1974 wurde meine Enkelin Anja geboren. Meine Enkel erhielten eine gute Ausbildung und gründeten eigene Familien. Anja ist nach Israel umgezogen. Sie hat einen Sohn, Wlad, der bereits drei Jahre alt ist. Und Jakov und Dima mit seiner Frau Olja und ich sind 2002 nach Deutschland umgezogen. Als meine Kinder die Entscheidung, nach Deutschland zu ziehen, getroffen hatten, wusste ich zuerst nicht, was ich, Witwe eines im Krieg gegen die Deutschen gefallenen Mannes, in Deutschland sollte. Aber nachdem ich nun drei Jahre hier gelebt habe, habe ich verstanden, dass dieses Land den Faschismus überstanden hat und seitdem gegen ihn immun ist. Das sehe ich am Beispiel der Beziehung zu meinen Nachbarn, die sehr freundlich und warmherzig sind. Sie sind traurig, wenn sich Rechtsradikale gelegentlich erheben und demonstrieren. Aber diesen Demonstranten treten richtige Demokraten entgegen und lassen sie nicht wie damals in Berlin bis zu den Gedenkstätten kommen. Nur ein Unglück habe ich hier erlebt: Ich fiel hin und brach mir die Schulter. So landete ich in einem Krankenhaus, wo ich operiert wurde und ein Implantat bekam. Einen ganzen Monat lang versuchten die Ärzte, mich buchstäblich aus dem Jenseits zu holen. Sie haben mich gesund gepflegt und sich um mich gekümmert.

Bis jetzt besucht mich Krankenschwester Uta Pflug zu Hause und macht mit mir Physiotherapie. Nachdem ich gesundgeschrieben worden war und wieder nach Hause gekommen bin, empfingen mich meine Nachbarn mit Blumen und Glückwünschen. Sie sagten, dass ich ihnen gefehlt habe. Sie haben sich daran gewöhnt, dass ich immer am Fenster im ersten Stock stehe, sie mit den Blicken verfolge, sie nach der Arbeit begrüße und den Öffner betätige, damit sie wieder ins Haus können. Die Nachbarin vom dritten Stock, Karin, behandelt mich wie ihre Verwandte. Sie schenkte mir viele Kleidungsstücke. Im Krieg verlor sie ihre Eltern. Der Krieg traf auch viele deutsche Familien und brachte allen viel Unglück. Die Frau meines Enkels Dima, die Olja heißt, erwartet ein Kind. Bald wird es zur Welt kommen. Ich bin schon fast 90 Jahre alt, aber ich möchte gerne noch die Geburt dieses Kindes erleben und ihm wünschen, dass seine Kindheit wolkenlos bleibt und dass es zu einem anständigen Menschen heranwächst.

Anmerkung:
Reisl Hofmann ist nunmehr verstorben.

 
 
 
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