Namenskunde - Juden in Sachsen

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Herkunftsgeschichte jüdischer Namen

Jedes Volk hat seine eigene Geschichte und auch seine Namensgeschichte, die im Laufe der Zeit eine besondere Spezifik annahm.

So entstanden deutsche Familiennamen später als die Vornamen. Sie entwickelten sich aus sogenannten Beinamen, die ursprünglich über die Herkunft des Namenträgers oder seinen Geburtsort (Walter von der Vogelweide oder Dietrich von Berne) informierten.

Im Laufe der Zeit ist der Name an die Nachfolger weitergegeben und in den offiziellen Dokumenten erwähnt worden. Der berühmte deutsche Sprachforscher Fleischer berichtet, dass die Entstehung der deutschen Familiennamen erst ab dem 12. Jahrhundert dokumentiert wurde und zwar zuerst nur in den großen Städten im Westen. Im Norden, in der Provinz Hannover, wurden die Familiennamen erst Anfang des 19. Jahrhunderts auf Befehl Napoleons eingeführt. Die Stammfamiliennamen festigten sich vor allem bei Adligen. Fleischer bringt als Beispiel die Namen aus Lessings Stück „Minna von Barnhelm": Fräulein von Barnhelm und Major von Tellheim sind die Adligen und Just und Franziska sind die Diener. Aber auch heute ist es üblich, die Hausdiener nur mit dem Vornamen anzusprechen.

In Österreich-Ungarn und in Frankreich war es den Juden verboten, den Namen von Adelsfamilien, die zum „Stamm der Nation" gehörten, anzunehmen. Die Notwendigkeit, den Juden Familiennamen zuzuerkennen, wuchs in dem Maße, wie man sie in das Gesellschafts- und Wirtschaftsleben der europäischen Länder mit einbezog. Die Beamten beklagten sich ständig, dass die jüdischen Namen schwer auszusprechen seien. Josef der
ΙΙ. verpflichtete die Juden Österreichs mit dem Gesetz von 1787, deutsche Namensformen anzunehmen. Die althebräischen Namen erklärte er für ungültig. Die eigens für die Namensvergabe eingesetzte Kommission verlieh nach eigenem Ermessen Namen, die für die Juden teilweise beleidigend waren. Das hing von der Stimmung der Kommissionsmitglieder, vom Wetter oder von der materiellen Lage der Juden ab. Es wurde eine Liste der „annehmbaren" Namen erstellt. Zuerst nahm man als Grundlage einfache deutsche Wörter, die dem Jiddisch ähnlich waren. Die Bestandteile der Namen waren Wörter wie: Feld, Wald, Gras, Baum, Berg, Zweig, Blatt, Stein, Rot, Grün, Gelb, Blau, Rose, Himmel, Braun, Weiß, Kirschen, Zeder, Kümmel usw. So entstand die Mehrheit der jüdischen Namen, die einen deutschen Ursprung haben.

Um einen anständigen Familiennamen zu bekommen, d. h. einen Namen, der sich von Blumennamen oder Edelsteinen ableitete (Lilienthal, Rosenthal, Edelstein, Diamant, Saphir), mussten die Juden viel Schmiergeld zahlen. Es gab besonders teure Namen wie Kluger, Fröhlich oder Gutmann. Viele Juden bekamen Familiennamen, die ihrem Beruf entsprachen: Kürschner, Schneider, Schuster, Tischler, Pelzmann. Arme Leute bekamen missklingende Namen, wie Eselskopf, Schmalz, Galgenstrick. Die übrige Mehrheit der Juden wurde von den Beamten in vier Kategorien aufgeteilt und die Namen wurden von den Wörtern: groß, klein, weiß und schwarz, gebildet.

Die Juden haben später einige Buchstaben der Namen verändert, um die Namen jiddischer klingen zu lassen. Es wurden die alten Regeln der jüdischen Namensbildung genutzt. Dabei bildeten sich die uns bekannten jüdischen Familiennamen. Die am meisten verbreiteten jüdischen Namen sind: Katz, Katznelson, Schmuel, Schmulehnsohn, Abram, Abramson, Israelson, Davidson, Herrschenson. Viele Namen wurden mit der Endung „-mann" gebildet: Goldmann, Silbermann, Kupfermann, Geldmann. Der Bezug zum Beruf wurde nicht vergessen. Und die Namen wurden über Generationen weitergegeben, unabhängig davon, ob die Menschen den Beruf noch weiter ausgeübt haben oder nicht (Kürschner, Papernik, Hefter, Träger).

In Mittel- und Osteuropa machten sich die Beamten aus der Umbenennung der Juden oftmals einen Spaß. Gegen ihren Willen erhielten die Juden Namen wie Kuh, Kalb, Eselskopf, Snapser, Taschengreifer, Stinker u.ä. Den Betroffen blieb nur der erniedrigende Gang vor Gericht und die Zahlung von hohen Geldsummen, um den „exotischen" Namen wieder loswerden.

Seit dem Mittelalter passten sich die Vornamen der deutschen Juden den deutschen Namen an: Süßkind, Hans, Wolf, Hirsch, Bär, Hennendl, Frohmetl, Kreindl. Und hier kann man eine interessante Erscheinung beobachten: Im Laufe der Zeit gebrauchten die Deutschen immer seltener ihre alten Vornamen. Aber die jüdische Tradition, den Kindern die Namen der Großeltern zu geben, erhielt den Gebrauch dieser Namen. So ist es gekommen, dass der deutsche Vorname Hirsch zu einem rein jüdischen Vornamen wurde.

Zu allen Zeiten benutzten die Juden Namen, die an ihrem jeweiligen Wohnort üblich waren. Ab dem 18. Jahrhundert benutzte sie oft den Namen ihrer Heimatorte: Oppenheimer, Wilnaer, Berliner, Goldberger, Grinberger. Die Geschichte der jüdischen Namen wäre unvollständig ohne eine kurze Erklärung der Herkunft von Bei- und Rufnamen. Lange Zeit existierten Beinamen parallel zu den Namen. Später wurden sie als feste Familiennamen übernommen. Beinamen und Rufnamen dienten oft zur Unterscheidung bei gleichen Namen. Sie setzten sich mit der Zeit durch und gingen dann vom Vater zu den Kindern über. Beinamen bezogen sich auf bestimmte äußerliche Merkmale der Person: Haarfarbe, Bart, Benehmen, physische Mängel, besondere Fähigkeiten, Beruf u.a.

Im Laufe der Zeit wurden die jüdischen Namen normal, ohne dass ihre genaue Bedeutung noch verstanden wurde. Die Hauptfunktion des Namens war es, die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Familie auszuweisen. Es wurden auch mehr und mehr die gesellschaftlich üblichen Namen verwendet. So nahmen die in Deutschland lebenden Juden Namen an, die sich nicht von den deutschen Nachnamen unterschieden.

Das Problem der Identifikation der Juden trat erst wieder mit der Entstehung der Rassentheorie des Antisemitismus auf. Judenass war in Deutschland und in den europäischen Ländern schon vor vielen Jahrhunderten verbreitet. Der Begriff „Antisemitismus" wurde von deutschen Judenhassern in den 70er Jahren des 19. Jahrhundert eingeführt. Ende des 19. Jahrhunderts nimmt der Antisemitismus in Deutschland und in den anderen europäischen Ländern politischen Charakter an. So wird der Hass gegenüber den Juden zu einem Bestandteil des politischen Programms der Parteien und zur Waffe im politischen und propagandistischen Kampf.

Im Deutschland der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts wurden Rassismus und Antisemitismus offizielle Staatspolitik des Dritten Reichs. Bis dahin galt allgemein die Vorstellung, dass die Juden letztlich immer eine Möglichkeit gehabt hätten, Verfolgungen zu vermeiden, wenn sie nur die jüdischen Traditionen aufgaben und sich assimilierten. Somit würden sie das Recht, der europäischen Gesellschaft beitreten zu dürfen, erwerben. Der rassistische Nationalsozialismus unterband diese Möglichkeit. Das nationalsozialistische Dogma behauptete spätestens seit Hitlers „Mein Kampf", dass zwischen den Rassen ein ununterbrochener Krieg geführt würde. In diesem Krieg würden die höheren Rassen als physische und geistige Elite der Menschheit auftreten und die feindlichen, niedrigeren Rassen wären zerstörerische und niederträchtige Kräfte. Das deutsche Volk wäre der höchstentwickelte Zweig der arisch-nordischen Rasse und die Juden wären eine „niedrigere, minderwertige Rasse", die versuchen würde, die auf der Welt bestehende Ordnung zu zerstören und der höheren Rasse Macht und Verwaltung aus der Hand zu nehmen.

In den westeuropäischen Ländern stießen die Nationalsozialisten auf Schwierigkeiten, ihre antijüdische Politik durchzusetzen. Es gelang ihnen aber trotzdem mit Betrug und verschiedenen Winkelzügen. Es war nicht immer leicht, die Juden zu identifizieren, da sie sich in ihrem Äußeren bzw. in ihrer Lebensweise oder nach ihren Familiennamen kaum noch abhoben. Die völlige Ablehnung der Emanzipation durch die Nationalsozialisten äußerte sich in der nationalsozialistischen Namenspolitik: Seit August 1938 waren die Juden gezwungen, sich auf 185 Männer- und 91 Frauennamen zu beschränken. Nur diese - von den Nationalsozialisten als „jüdisch/israelisch" empfundenen - Namen waren zulässig (Dekret vom 17. August 1938). Die Juden, deren Namen nicht auf dieser Liste standen, mussten bis zum 1. Januar 1939 einen Doppelnamen annehmen - Männer erhielten den Namen Israel, Frauen den Namen Sara. Die neuen Namen wurden registriert und in alle offiziellen Dokumente eingetragen.

Nach dem Sieg über den Nationalsozialismus wurde der Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus zur Norm und zum Grundkonsens aller Schichten jeder zivilisierten und kulturvollen Gesellschaft und vor allem in Deutschland.

Das Aufleben des jüdischen Lebens in Deutschland wurde durch wieder wachsende jüdische Gemeinden möglich. Viele der neuen Gemeindemitglieder stammen aus den Staaten der ehemaligen UdSSR. Wie schon Jahrhunderte zuvor, integrieren sich die Juden intensiv in die deutsche Gesellschaft. Wie auch in der Vergangenheit, versuchen die Juden, sich mit maximalem Nutzen in ihrer „neuen Heimat" einzubringen. Obschon das für viele von ihnen die Rückkehr in die Heimat der Vorfahren ist. Davon zeugen die Familiennamen, die nicht nur deutsch klingen, sondern auch von dem deutschen Herkunftsort sprechen.

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