Maymina Galina Lejbovna - Juden in Sachsen

Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü:

Maymina Galina Lejbovna

Mein Großvater, Jakov Moisejewitsch, war Kaufmann zweiter Gilde (in die erste Gilde wurden ungetaufte Juden nicht aufgenommen). Er war ein hochgeachteter und wohlhabender Mann, zu damaliger Zeit vielleicht sogar ein reicher Mann: er handelte mit Fisch, und besaß mehrere Läden in der Stadt. Er hatte nicht nur ein, sondern drei Häuser, in denen seine zahlreiche Verwandtschaft lebte. In den ersten Nachrevolutionsjahren duldete die Sowjetmacht die Tätigkeit meines Großvaters noch, aber das hielt nicht lange an. Die Repressalien seitens der Behörden führten dazu, dass er sein Geschäft nach und nach stilllegte und die Läden verkaufte. Einiges wurde auch verstaatlicht, wie es damals hieß, „verstaatlicht zu Gunsten des Volkes". Großvater wurde sogar verhaftet und einige Zeit in ein Sowjetlager verbracht: Aber das waren noch andere Zeiten und es gelang ihm, sich zu befreien. 1924 zog unsere Familie - das sind meine Eltern, Großeltern und ich - nach Leningrad um.

In Leningrad besuchte ich den Kindergarten beim Pädagogischen Institut, der, wie auch heute noch am Mojka-Ufer fast im Zentrum der Stadt lag, von Herzen gerne. Ich habe kaum noch Erinnerungen an diese Zeit meiner frühen Kindheit, aber bis jetzt trage ich dieses warme Gefühl einer Atmosphäre der Aufmerksamkeit und Fürsorge in mir, die uns dort umgab. Wir lebten ziemlich weit vom Zentrum entfernt in einer großen Wohnung in der Rakov-Straße, heutzutage wieder Karawannaja-Straße. Vater hat später die Stelle des leitenden Ökonom in der Planabteilung „Lenizdat" bekommen und arbeitete in einer der Sehenswürdigkeiten Leningrads, nämlich in einem Haus mit Glaskugel im Newskij-Prospekt, das zu Beginn des Jahrhunderts noch für das deutsche Nähmaschinenwerk Singer errichtet worden war.

1927 wurde meine Schwester Bella geboren, die bis heute noch in Petersburg wohnt. Nach zwei Jahren wurde ich in die 28. Mittelschule eingeschult, das war das ehemalige deutsche Gymnasium „Peterschule". Sie lag im Newskij-Prospekt nicht weit von der Lutheranischen Kirche St. Peter. Das war eine tolle Schule, in der noch „ehemals" ausgezeichnete Lehrer mit klassischer Vorrevolutionsbildung unterrichteten. Sie waren gewöhnt, frei zu denken und tadellos zu arbeiten, wie es im „alten Russland" üblich gewesen war. 1938 habe ich die elf Aufnahmeprüfungen in den Grundfächern bestanden (damals gab es solche Regelungen) und wurde am Ersten Leningrader Jurainstitut eingeschrieben, das sich damals im Gebäude des ehemaligen Palastes des Fürsten Menschikov an der Newa befand. Später wurde dieses Institut zur Jura-Fakultät der Leningrader Staatsuniversität. Mein Studium habe ich schon in der Evakuierung in Nowosibirsk abgeschlossen.

Der Zweite Weltkrieg, der das Leben von Millionen von Menschen verändert hat, wurde auch zu einer Tragödie für unsere Familie. In Leningrad war bereits seit den ersten Kriegstagen im Jahr 1941 der Kriegszustand ausgerufen worden. Bald wurden die ersten Völkergruppen evakuiert, zuerst waren das arbeitsunfähige Einwohner und Kinder. Es wurden Lebensmittelkarten eingeführt. Die Rationen an Brot und anderen Lebensmitteln waren streng limitiert. Mit der Zeit sanken diese Zuteilungen ständig. Mein Vater war aus gesundheitlichen Gründen vom Militärdienst befreit. Der Verlag, in dem er gearbeitet hatte, wurde auch aus der Stadt evakuiert. So konnte er mit uns wegfahren. Er hat das aber bis zuletzt abgelehnt, denn er wollte nicht an den Ernst der Situation glauben. Er dachte, er müsste weiterarbeiten, um der Stadt nützen zu können. Er glaubte, dass der Krieg in ein paar Monaten beendet würde und wollte nicht, dass wir wegfuhren. Einmal kam der Vater meiner Freundin Galja Bortjanskaja, zu uns. Er war Stellvertreter des Direktors der Leningrader Philharmonie und berichtete, dass die Philharmonie am nächsten Tag evakuiert werden würde, und dass wir sofort unsere Sachen packen sollten. Meine Mutter, meine Schwester und ich haben am 21. August 1941 Leningrad mit dem letzten Zug verlassen, als die Eisenbahnstrecken und Züge bereits heftig bombardiert wurden. Viele der Reisenden sind unterwegs umgekommen. Wir fuhren sehr lange, oft mit großen Pausen dazwischen, in geheizten Viehwagons, die für die Personenbeförderung umgebaut worden waren. Am 8. September 1941 brach die Verbindung über das Festland mit Leningrad ab. Das war der Anfang der Blockade. Meinem Vater war es nicht gelungen, die Stadt zu verlassen. Er konnte den ersten eiskalten Blockadewinter nicht überleben: Es gab nichts zu essen und es war unmöglich, sich warm zu halten. Er und seine Eltern, meine Großeltern, starben vor Kälte und Hunger im Januar 1942.

Nowosibirsk war damals zu einem Evakuierungszentrum geworden und war von Evakuierten und Flüchtlingen aus Moskau, Leningrad und anderen Städten Russlands überfüllt. Es gab keine Wohnungen. Meine Mutter, meine Schwester und ich wurden in einem zehn Quadratmeter großen Barackenzimmerchen am Rande der Stadt, in der Obskaja-Straße untergebracht. Im Dezember 1941 bekam ich eine Stelle als Personalinspektorin in einem holzverarbeitenden Betrieb Nr. 7, namens Bolschewik. Meine Schwester, sie war damals 14 Jahre alt, arbeitete als Schichtdispatcher ebenfalls in diesem Betrieb. Sie besuchte zuerst die Schule und dann eine Berufsschule. Vermutlich weil ich gut gearbeitet hatte, wurde ich im August 1942 zur Leiterin der Personalabteilung befördert. Ich habe dort bis Februar 1943 gearbeitet. Vom Betrieb aus wurde ich oft zur Arbeit ins Kolchos geschickt, wo ich, eine Stadtbewohnerin, auf dem Feld arbeiten musste: Heu einfahren und mit dem Zugpferd zurechtkommen. Mein Studium setzte ich als Fernstudium an der nowosibirischen Filiale des Unionsjurainstituts fort. Im Sommer 1944 habe ich mein Studium beendet und mein Diplom als Juristin bekommen. Wir litten an Hunger, denn es gab kaum etwas zu essen. So aßen wir durchgefrorene Kartoffeln, die wir auf dem Ofen aufgetaut haben. Für kurze Zeit habe ich nebenbei an der Kinderspeisestätte gearbeitet, wo ich ab und zu etwas Essen für meine Schwester und meine Mutter mitnehmen konnte. Danach habe ich bis zu meiner Rückkehr nach Leningrad im September 1945 als Rechtsberaterin in einem Nowosibirsker Genossenschaftsblindenverband gearbeitet. Dieser Blindenverband war auf die Produktion der sogenannten „Walenki" oder „Pimy", wie sie in Sibirien genannt wurden, spezialisiert (das ist eine spezielle Art von Winterstiefeln). Ab und zu wurden wir auch mit Pimen entlohnt, die auch die besten Schuhe für die damalige Witterungsverhältnisse waren, denn der Winter in Sibirien ist immer hart. Meine Beziehung zu meinen Mitarbeitern und Vorgesetzten war immer gut, ich war immer voller Energie und kontaktfreudig. Das hat vielleicht auch geholfen, diese schwierige Zeit durchzustehen.

Als meine Schwester und ich auf Einladung meiner Tante im Jahre 1945 in das Nachkriegsleningrad zurückkehren konnten, hatten wir kein Zuhause mehr. Unsere Zimmer in der Rakow-Straße bewohnte inzwischen ein General, den selbstverständlich keiner herauswerfen wollte. So mussten wir unser Leben von vorne beginnen. Ich ging durch die Straßen, habe in fremde Fenster geguckt und dabei gedacht: „Ihr Glücklichen, ihr habt euer Zuhause!" Meine Schwester und ich wohnten bei unseren Verwandten. Wir haben damals sehr ärmlich gelebt. Unsere Mutter war noch eine Zeitlang in Nowosibirsk geblieben. Seit 1946 fing ich an, als Juristin in der Leningrader Abteilung des Militärverlages des Verteidigungsministeriums zu arbeiten. Nach einiger Zeit habe ich ein kleines Zimmer auf der Wassiljev-Insel bekommen. 1951 heiratete ich Alexander Grigorjewitsch Broydo. Er war Physiker, Meteorologe, Gelehrter und Dozent. Wir lebten in einer riesigen Kommunalwohnung auf dem Theaterplatz, nicht weit vom weltberühmten Mariinsky-Theater. Zwei Jahre danach, das war 1953, wurde unsere Tochter geboren. Mein Mann und ich haben über dreißig Jahren zusammengelebt.

Ende der 40er, Anfang der 50er Jahre verbreitete sich in der ehemaligen Sowjetunion eine zügellose Kampagne gegen den „Kosmopolitismus". Im Grunde genommen war das eine Reihe von antisemitischen Aktionen, die von den Behörden initiiert und geleitet wurden. Die Hetze und Verfolgung richtete sich gegen Juden, die als „heimatlose Kosmopoliten", „bürgerliche Nationalisten", „Helfershelfer des Westens" usw. abgestempelt wurden. Das alles war von ganz oben geplant und wurde generalstabsmäßig umgesetzt. 1948 wurde in Minsk der bekannte jüdische Schauspieler Solomon Michoels ermordet, danach das Jüdische Antifaschistische Komitee aufgelöst und sein Vorstand, das waren bekannte Persönlichkeiten aus Kunst und Kultur, erschossen. Zahlreiche Zeitungsartikel, widerliche Karikaturen von Juden und nicht enden wollende Protestkundgebungen haben die antijüdische Stimmung im Volk ständig geschürt. Das alles haben wir die ganze Zeit am eigenen Leibe erfahren. Das war sehr hart und schmerzhaft für die halbverhungerten Menschen, die vom Krieg erschöpft waren und ihre Nächsten und ihr Zuhause verloren hatten. Einmal machte ich (ich war damals schwanger) einen kleinen Spaziergang im Hof unseres Hauses. In der Nähe hielt ein Auto vom Roten Kreuz, aus dem Lebensmittel entladen wurden. Eine Frau, die vorbeiging, zischte gehässig: „Die Amerikaner haben wieder Verköstigung für die ‚Schidys‘ geliefert. Schade, dass Hitler sie nicht alle gehängt hat!"

Schon 1953 begannen öffentliche Schauprozesse gegen Ärzte. Unter den Verhafteten waren bekannte Persönlichkeiten jüdischer Abstammung darunter Koryphäen der Medizin und Professoren, die international einen Namen hatten. In dieser Zeit wurde die Umsiedlung aller Juden aus den großen Städten der UdSSR nach Birobidschan vorbereitet, in die sogenannte Jüdische Autonome Republik im Fernen Osten, wo die Temperatur im Winter meist um die 50 Grad Minus lag. Man sagte, es würden dort bereits Hals über Kopf Holzbaracken mit solchen Lücken zwischen den Brettern gebaut, dass sie sogar für die Viehunterbringung unbrauchbar waren. Einige Monate verbrachten wir in großer Angst, denn wir haben auf die Ausweisung gewartet, was für uns den sicheren Tod bedeutet hätte. Wenn sich alles so abgespielt hätte, wie es Stalin geplant hatte, dann wäre daraus ein zweiter Holocaust geworden. Gott sei Dank ist das nicht passiert. Stalins Tod hat uns im Jahr 1953 davor gerettet. Unsere Nachbarin russischer Abstammung hat den Tod vom geliebten Führer als eine Tragödie erlebt. Sie hat aber auch nie die Bitterkeit der Erniedrigungen und Beleidigungen erfahren müssen. Ich weiß noch, wie sie immer wiederholte: „Wie sollen wir nur weiter leben?" Ich habe damals geantwortet: „So wie wir bis jetzt gelebt haben". Aber Gott sei Dank hat sich unser Leben zum Besseren gewendet, denn die antisemitischen Aktionen neigten sich ihrem Ende entgegen.

Fast 40 Jahre lang, von 1950 bis Anfang 1990, habe ich als Juristin in unterschiedlichen städtischen Einrichtungen gearbeitet: zuerst in einer Druckerei und dann bei der Stadtverwaltung. Seit 1990 bin ich Rentnerin. Im April 2002 siedelte ich zusammen mit meiner Tochter, Vera Sternina, und meinem Enkel Alexander nach Deutschland um. Zuerst haben wir in Chemnitz gelebt und später unseren Wohnsitz nach Leipzig in Sachsen verlegt. Hier leben wir bis jetzt.

 
 
 
Suchen
Counter
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü