Maja Arkadjewna Chagowskaja - Juden in Sachsen

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Maja Arkadjewna Chagowskaja

Noch vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde mein Vater zum Direktor einer Schuhfabrik in der Stadt Nikolajew. Als die deutschen und rumänischen Truppen an die Stadt heranrückten, wurde die Schuhfabrik eiligst nach Osten in die Stadt Saratow evakuiert. Da die Fabrik Tag und Nacht lief und ununterbrochen Schuhe für die Front produzierte, lebten und wohnten die Arbeiter und der Direktor im Betrieb. Die provisorischen Baracken schützten noch irgendwie vor Regen, nicht aber vor der Kälte. Die ortsansässigen Einwohner nahmen die Evakuierten nach Möglichkeit in ihre Häuser auf.

Vom Frühjahr 1942 bis zum Mai 1944 lebte unsere Familie in der Evakuierung. Wir hatten keinen Kontakt zu meinem Bruder Jakow. Er diente bei der Pazifikflotte und ahnte nicht, dass seine Verwandten evakuiert worden waren. Jakow quittierte erst 1947 den Dienst, lange nach der Zerschlagung der Quantungarmee und der Stabilisierung der Situation im Fernen Osten. Vater brachte über Geheimdienstkanäle in Erfahrung, dass Jakow am Leben war und ließ ihm unsere neue Wohnanschrift übermitteln.

In den Jahren von 1947 bis 1952 arbeitete mein Vater als Zweiter Sekretär des Nikolajewsker Bezirkskomitees der KPdSU. Er absolvierte die Parteihochschule. Im Januar 1953 wurde er festgenommen. Erst Stalins Tod beendete die Gefängnishaft, für die ihm keiner je eine Begründung gab. Die Arbeit im Bezirkskomitee der KPdSU war ihm, so wie auch vielen anderen seiner jüdischen Kollegen, verbaut. Die Tschekisten sagten ihm: „Seien Sie froh, dass Sie nicht in den Lagern krepiert sind."

Diese Zeit fiel mit meinem Schulabschluss zusammen. Ich wollte Medizin studieren. Es gab allerdings keine medizinische Hochschule in Nikolajew. Odessa und Kiew standen zur Auswahl. Ich wählte Kiew. Mein Versuch, dort zu studieren, scheiterte. Nachdem ich alle Aufnahmeprüfungen erfolgreich bestanden hatte, wurde ich plötzlich ins Dekanat bestellt. Man warf mir vor, die Festnahme meines Vaters aus politischen Gründen verheimlicht zu haben. Meine Worte, dass es sich bei der Verhaftung um ein Missverständnis gehandelt habe und dass mein Vater auch nicht verurteilt worden war, fanden im Dekanat kein Gehör.

Enttäuscht fuhr ich nach Hause zurück und musste nun dringend eine Arbeit finden. Ein Freund meines Vaters verhalf mir zu einer Stelle in einem Chemielabor. Das Gehalt war lächerlich, aber ich hatte keine Wahl. Im Jahr darauf nahm ich am Kiewer Pädagogischen Institut Belinski ein Fernstudium der Logopädie auf. Nach dem Abschluss der Hochschule habe ich über vierzig Jahre in meinem Beruf als Logopädin gearbeitet.

Meinen Ehemann lernte ich vor der Evakuierung in Saratow kennen. Wir waren damals noch Kinder. Sein Vater war Kommandeur einer Marineninfanterieeinheit und kämpfte während des Krieges um die Befreiung der Stadt Nikolajew und anderer Orte am Schwarzen Meer. Vielleicht hat unser Sohn die Liebe zum Meer vom Vater geerbt. Zum zweiten Mal begegneten wir uns in der Zeit, als er am Schiffbauinstitut in Nikolajew studierte.

Antisemitismus war in der Ukraine alltäglich. Der berüchtigte Paragraph Nr. 5 - d. h. die Angabe der Nationalität im Pass - spielte in allen Lebensbereichen eine große Rolle, unabhängig davon, ob es um eine höhere Qualifikation oder Stellung ging. Sogar die Familienangehörigen waren betroffen. Mein Ehemann arbeitete im Entwicklungsbüro eines großen Schiffbauwerkes. Als er sich um die Stelle des Hauptingenieurs bewerben wollte, erhielt er eine Absage, weil er mit einer Jüdin verheiratet war.

Ähnlich erging es später unseren Kindern. Meine Tochter schloss die Schule mit einer Goldmedaille ab. Deswegen hätte sie entsprechend der Regeln der medizinischen Hochschule nur eine und nicht mehrere Aufnahmeprüfungen ablegen müssen. Statt mit einer ausgezeichneten wurde sie allerdings nur mit einer guten Note bewertet. Eine Erklärung hat man ihr verweigert. Die nun folgenden Prüfungen musste sie praktisch ohne Vorbereitung ablegen. Bereits nachdem sie sich an der Hochschule eingeschrieben hatte, teilte ihr der Prorektor für Studienangelegenheiten mit, sie wäre die einzige Jüdin, die in diesem Studienjahr zum Studium an der Hochschule zugelassen worden sei.

Auch die Ablehnung der Zulassung meines Sohnes zur Militärakademie erfolgte aufgrund meiner Nationalität. Selbst in der „Unabhängigen Ukraine" waren Kenntnisse und praktische Erfahrung weniger wichtig als die „Nationalität" des Bewerbers. Das betraf allerdings nicht nur Menschen jüdischer Nationalität, sondern auch Deutsche, Bulgaren, Griechen oder Moldawier. Ich könnte viele Beispiele aus meiner Umgebung und aus dem Verwandtschaftskreis hinzufügen. Es betraf immer Menschen, die keine Russen oder Ukrainer waren. In den Personalabteilungen hat man sie alle als „nationale Minderheiten" bezeichnet.

Im Jahre 2003 führte uns unser Schicksal nach Deutschland. Manchmal sind die Deutschen irritiert. Sie können nicht begreifen, warum diese „Russen" nach Deutschland gekommen sind und nicht in der Ukraine oder Russland leben wollten. Dann versuche ich, weil ich das Deutsche nur mangelhaft beherrsche, ihre Fragen auf Jiddisch zu beantworten, in der Sprache meiner Mutter und meiner Großmutter. Und das bringt die Deutschen noch mehr zum Erstaunen. Sie wissen nicht, wie ähnlich die jiddische Sprache der modernen deutschen Sprache ist.

Übersetzung: Irina Trippel, Redaktion: SW, Dr. Dorothea Ernst

Der Text entstand auf der Basis eines Interviews, das Mitarbeiter des Projekts „Oral History" (IWOS Leipzig beim DRZ Sachsen e. V.) geführt haben. Leiter des Projekts: Igor Kadykov .

 
 
 
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