Kultur - Juden in Sachsen

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Jüdische Kultur

Das Leo-Baeck-Institut ist die führende Institution zur Erforschung der deutsch-jüdischen Geschichte und Kultur mit Zentren in Jerusalem, London und New York. Der Münchner Historiker Michael Brenner ist seit Ende 2013 Internationaler Präsident des Instituts. Tobias Birzer sprach mit ihm über die jüdische Kultur in Deutschland.

Herr Professor Brenner, welche Aufgaben und Ziele hat das Leo-Baeck-Institut?
Ziel des Leo-Baeck-Instituts ist es, das kulturelle Erbe des deutschsprachigen Judentums, das durch den Nationalsozialismus beinahe völlig zerstört wurde, in Archiven und Bibliotheken sowie durch Publikationen und öffentliche Veranstaltungen für die Nachwelt zu bewahren. Es wurde 1955 von deutsch-jüdischen Intellektuellen gegründet, die die Verfolgung durch die Nationalsozialisten überlebt hatten. Benannt wurde das Institut nach dem ehemaligen Berliner Rabbiner und Holocaust-Überlebenden Leo Baeck. Neben den drei Teilinstituten gibt es seit 2001 eine Zweigstelle des New Yorker Archivs im Jüdischen Museum Berlin.

Deutsch-jüdische Geschichte zwischen Integration und Antisemitismus

Was macht die deutsch-jüdische Geschichte und Kultur aus?
Die Juden waren in Deutschland seit dem Mittelalter Teil der Gesellschaft, wenngleich sie erst ab dem 19. Jahrhundert als gleichberechtigte Bürger betrachtet wurden. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts integrierten sich die Juden immer stärker in die deutsche Gesellschaft. Im Ersten Weltkrieg meldeten sich viele Juden freiwillig zum Dienst an der Front, um zu beweisen, dass sie Patrioten waren. Die Hoffnung, dass sie nach der rechtlichen Gleichstellung nun auch gesellschaftlich als gute Deutsche akzeptiert würden, erfüllte sich aber nicht. Der Antisemitismus nahm nach dem Krieg sogar zu. Viele Juden versuchten, sich weiter zu assimilieren und ihr Jüdischsein ganz aufzugeben. Andere besannen sich wieder mehr ihrer Religion, und es kam auch zu einer Renaissance der jüdischen Kultur. Das alles wurde jedoch von den Nationalsozialisten zwischen 1933 und 1945 fast vollständig vernichtet.

Gab es nach 1945 überhaupt noch jüdisches Leben in Deutschland?
Von ehemals etwa 600.000 Juden, die 1933 in Deutschland gelebt hatten, blieben nur knapp 15.000 übrig. Hinzu kamen Holocaust-Überlebende aus Osteuropa, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland gestrandet waren. Diese beiden sehr unterschiedlichen Gruppen waren die Basis für neue jüdische Gemeinden. Viele ihrer Mitglieder betrachteten diese Zeit jedoch nur als Übergangsphase bis zur Emigration nach Israel oder in die USA. Man konnte sich nicht vorstellen, dass jüdisches Leben nach dem Holocaust in Deutschland noch dauerhaft möglich war. Erst in den 1970er-Jahren glaubte man, dass die Juden in Deutschland wieder eine Zukunft haben. Dennoch hatten die Gemeinden in der Bundesrepublik bis 1990 weniger als 30.000 Mitglieder, in der DDR waren es 1989 offiziell sogar nur rund 350 jüdische Gemeindemitglieder. Erst nach 1990 stieg die Zahl durch jüdische Emigranten aus der ehemaligen Sowjetunion stark an. Heute haben die jüdischen Gemeinden in Deutschland wieder rund 110.000 Mitglieder.

Vielfalt jüdischen Lebens in Deutschland

Wie sieht jüdisches Leben in Deutschland heute aus?
Die jüdische Kultur ist in Deutschland wieder lebendig – vor allem in den Großstädten – zwar nicht in dem Maße wie vor 1933, aber in den letzten 20 Jahren hat sich viel entwickelt. Insbesondere in Berlin hat sich eine Vielfalt jüdischen Lebens gebildet. Neben den jüdischen Einwanderern aus der früheren Sowjetunion gibt es dort inzwischen zum Beispiel auch eine große Gruppe israelischer Juden. Mit ihnen entwickeln sich, meist abseits des institutionellen Gemeindelebens, wieder neue, alternative Formen jüdischer Kultur. Auch die Wahrnehmung des jüdischen Lebens hat sich in Deutschland geändert. Es gibt in der nicht-jüdischen Gesellschaft ein großes Interesse an der jüdischen Kultur und Geschichte. Das kann man beispielsweise daran erkennen, dass viele jüdische Museen entstanden sind, etwa das Jüdische Museum Berlin oder das Museum im Jüdischen Zentrum in München. Auch sie tragen zu der neuen jüdischen Kultur in Deutschland bei.

Prof. Dr. Michael Brenner, 1964 in Weiden als Sohn zweier Holocaust-Überlebender geboren, lehrt jüdische Geschichte und Kultur an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seit Oktober 2013 ist er Internationaler Präsident des Leo-Baeck-Instituts. Die Tätigkeit ist ehrenamtlich.

 
 
 
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