Jurij Girel - Juden in Sachsen

Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü:

Jurij Girel

Mein Großvater mütterlicherseits war Schächter bei einem Rabbiner und schlachtete Haustiere auf eine bestimmte Art und Weise, um ihr Fleisch koscher zu machen. Davon leitet sich auch der Familienname Resnizkij ab. Meine Großmutter war Hausfrau und zog die Kinder groß. Während des Bürgerkriegs und der damit einhergehenden Gesetzlosigkeit in Sosnowka kam mein Großvater ums Leben. Nach seinem Tod zog meine Oma mit den Kindern nach Kirowograd um. Meine Mutter, die ein nicht abgeschlossenes Hochschulstudium im Bereich Wirtschaft hatte, studierte eine Zeit lang in Odessa an einer Hochschule für Finanzen und Ökonomie und arbeitete später als Ökonomin. An der Hochschule lernte sie ihren ersten Mann, Jakow Mihajlik, kennen und zog zu ihm nach Moskau, wo auch seine Eltern lebten. Die erste Ehe meiner Mutter dauerte nur ein paar Jahre. Da sie keine Kinder hatten, sich meine Mutter aber sehr welche wünschte, verließ sie ihren Ehemann. Sie ließ all ihre persönlichen Dinge bei ihm zurück, sogar ihre Ausweispapiere, die sie nie wieder von ihm zurückbekommen hat, denn er wollte gar keine Scheidung. Sie ging nach Kirowograd zurück, wo ihre Mutter und mein Vater lebten. Drei Jahre vor ihrer Rückkehr war mein Vater Witwer geworden. Er war mit der leiblichen Schwester meiner Mutter verheiratet gewesen. Nach ihrem Tod ist ihm nur seine kleine Tochter Lida geblieben. Meine Großmutter, die immer die jüdischen Traditionen befolgte, bestand darauf, dass meine Mutter meinen Vater heiratete, um ihre verstorbene Schwester zu ersetzen. Da sie sich nicht scheiden ließ, lebte sie mit meinem Vater zunächst ohne Trauschein. Erst als ich fünfzehn Jahre alt war, konnten sich meine Eltern endlich standesamtlich trauen lassen.

Mein Vater, Girel Meer Lwowitsch-Lipiwitsch, wurde 1908 in Kirowograd geboren. Papa wurde zu Hause Major oder auch Mark genannt. Zuerst wurden in all meinen Ausweispapieren Markowitsch als Vatersname eingetragen. Später wurde mein Vatersname in Majorowitsch umgeändert. Mein Großvater väterlicherseits war Verzinner. Meine Oma war ebenso Hausfrau wie meine Großmutter mütterlicherseits. Mein Vater hat nur drei Klassen in der Hedere beendet. Er verfügte aber über ein absolutes Gehör und sang im Chor einer Synagoge. Trotz der fehlenden Ausbildung und dank der angeborenen Intelligenz und seiner schnellen Auffassungsgabe hat er sich von einem einfachen Arbeiter zum stellvertretenden Direktor einer Konditorwarenfabrik der Stadt Kirowograd emporgearbeitet. Aber meine Mutter wollte unbedingt in eine größere Stadt umziehen. Sie hatte bereits die Vorteile einer großen Stadt erlebt, als sie in Odessa studiert und einige Zeit auch in Moskau gelebt und gearbeitet hatte. Und als die Stelle des stellvertretenden Direktors einer Konditorwarenfabrik in Nikolajew frei geworden war, überredete sie Vater nach Nikolajew umzuziehen und diese Stelle anzunehmen. Im Jahre 1938 zogen meine Eltern in eine neue große Wohnung nach Nikolajew um, in der ich später geboren werden sollte. Aber mein Vater lebte kaum in dieser Wohnung. 1938 wurde er zum Kommandeur geschult, nahm als Pionier am Feldzug in Bessarabien teil und hat danach, 1940, als Pionier während des Finnischen Krieges die Mannerheimlinie entmint. Später nahm er am Zweiten Weltkrieg teil und wurde zum Oberleutnant ernannt. Obwohl meine Eltern die jüdischen Traditionen nicht befolgten, beherrschten sie die jiddische Sprache gut und verwendeten sie ab und zu, wenn sie vor uns Kindern etwas verheimlichen wollten. Deswegen kann ich Jiddisch verstehen.

Ich kann mich gut an den ersten Tag des Krieges erinnern. Es war ein sonniger Sommertag und wir bummelten durch die Stadt. Ich war damals zwei Jahre alt. Plötzlich sah ich links eine große Staffel von Kampfflugzeugen auftauchen. Sie flogen ziemlich tief, so dass man sogar die Kreuze auf den Flügeln deutlich sehen konnte. Nicht weit von unserem Haus entfernt befand sich die Werft von Nikolajew. Die Kampfflugzeuge erreichten die Werft, warfen ihre Bomben ab und flogen weiter. Das Ganze wurde von furchtbarem Pfeifen und Lärm begleitet. Im Juli oder im August 1941 wurden wir nach Taschkent evakuiert. Es war sehr kompliziert, die Fahrkarten zu beschaffen. Nur Militärfamilien hatten die Möglichkeit zur Evakuierung. Der jüngste Bruder meines Vaters, Onkel Isaak, half uns dabei, denn er war zu diesem Zeitpunkt Berufssoldat, nämlich Panzersoldat, geworden. Meine Mutter wollte nicht wegfahren, denn sie hatte erst vor kurzem Möbel für unsere neue Wohnung angeschafft. Sie fand es viel zu schade, alles so stehen und liegen zu lassen. Außerdem hatten die Deutschen Flugblätter verteilt, auf denen Juden zugesichert wurde, dass ihnen nichts geschehen würde, wenn sie zu Hause blieben. Allein Kommunisten hätten mit Verfolgung zu rechnen. Da mein Vater jedoch Kommunist war, befand sich meine Familie so oder so in Gefahr. In Taschkent arbeitete meine Mutter in einem Flugzeugwerk, das gleichfalls hierher evakuiert worden war. 1944, nach der Befreiung der Ukraine, ist meine Mutter mit den Kindern und meiner Oma nach Kiew gefahren. Zuerst haben sie in der Stadt Neschin gelebt und erst später sind sie nach Kiew umgezogen. Nach der Demobilisierung im Jahre 1947 kehrte auch mein Vater nach Kiew zurück.

In Taschkent erkrankten meine Schwester Sweta und ich an Masern. Wie bereits erwähnt, starb Sweta daran. Ich habe zwar überlebt, aber die Krankheit hinterließ eine Nierendysfunktion. Meine Mutter erwirkte eine Rehabilitationsbehandlung in Schelesnowodsk im Kaukasus. Seit 1947 bin ich mehrmals dorthin gefahren. Dort lernte ich einige Jungs kennen, die wie ich in Behandlung waren. Da sie gut Klavier spielen konnten, brachten sie mir bei, Melodien nach Gehör zu spielen. Daraufhin wollte ich unbedingt mein eigenes Klavier haben, um darauf zu spielen. Meine Eltern haben mir ein Piano der Marke Krasny Oktjabr gekauft. Es wurde mit deutschen Saiten ausgestattet und hatte einen sehr guten Klang. Ich fing an, einige Monate Privatunterricht bei einer Musiklehrerin in der Nachbarschaft zu nehmen. Später belegte ich zehn Jahre Cello als Hauptfach an der Musikschule, wo ich vom renommierten Professor Pekker unterrichtet wurde, der seinerzeit bei dem bekannten russischen Komponisten Alexander Glasunow am Moskauer Konservatorium studiert hatte. Danach setzte ich meine musikalische Ausbildung in Moskau fort. Ich wurde am Konservatorium aufgenommen und später an der Musikhochschule Gnesin immatrikuliert. Ich versuchte überall mein Glück, so war ich unter anderem auch musikalischer Begleiter bei Auftritten der rhythmischen Sportgymnastik einer Kiewer Sportschule. Mit dieser Schule bereiste ich das halbe Land. Außerdem spielte ich Cello und Klavier zusammen mit vielen Jazzkapellen und Unterhaltungsorchestern in Restaurants und vor Kinovorstellungen.

2003 bin ich mit meiner Frau nach Deutschland ausgewandert und lebe zurzeit in Leipzig. Ich gebe Privatkonzerte bei verschiedenen Vereinen, darunter auch in der jüdischen Gemeinde und begleite verschiedene Polizeichöre.

 
 
 
Suchen
Counter
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü