Juden in Sachsen - Juden in Sachsen

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Dem damaligen und heutigen jüdischen Leben und Wirken
in Sachsen und Leipzig ist diese Homepage gewidmet.


Willkommen auf Juden in Sachsen
ברוכים הבאים ליהודים בסקסוניה


In einer Urkunde Heinrichs des Erlauchten aus dem Jahre 1248 wurden erstmalig Juden in Leipzig erwähnt. Zu dem Zeitpunkt scheint bereits eine wohlorganisierte Gemeinde mit Rabbiner, Bethaus und Schule bestanden zu haben, sodass man davon ausgehen kann, dass die ersten Juden sich gegen Ende des 12., Anfang des 13. Jahrhunderts angesiedelt hatten. Aus einer anderen Quelle geht hervor, dass in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts eine jüdische Siedlung vor den Mauern der Stadt existierte. Die Judengasse befand sich etwa zwischen der heutigen Hauptfeuerwache und dem Goerdelerring. Die Juden mussten an den Markgrafen ein einträgliches Schutzgeld zahlen. 1364 werden erstmals Namen jüdischer Einwohner genannt, darunter der des Schulmeisters.

Im Mittelalter gab es in Sachsen drei Judenverfolgungen:

  • 1348/49 kommt es zu grausamen Pogromen, da den Juden die Schuld für die Ausbreitung der Pest gegeben wird. Sie wurden aus der Stadt vertrieben, viele dabei umgebracht.

  • Die zweite Verfolgung geschah durch den Landgrafen Friedrich im Jahre 1411 mit der Konfiszierung ihres Vermögens und Grundbesitzes.

  • Die dritte Verfolgung fand in den Gräueln der Hussitenkriege im Jahre 1430 statt. Die Vertreibung führte zur Auflösung der jüdischen Gemeinden.


Nur die sogenannten Hofjuden waren keinen Verfolgungen ausgesetzt, da sie unter dem Schutz des Landesherren standen, dem sie dafür jährliche sog. Schutzgelder zahlen mussten.
Ab Mitte des 15. Jahrhunderts soll es wegen der Verfolgungen keine sesshaften Juden mehr in Leipzig gegeben haben. Sie kamen nur zu den Messen und trugen viel zu dem damaligen Warenverkehr bei. Während der Messen hielten sie in Privatquartieren ihre Gottesdienste. Zugleich hatten sie aber hohe Abgaben zu zahlen.

„Um die Wende des 17. Jahrhunderts gab es einen heftigen Streit, in dem der Leipziger Rat jegliche Versammlung von Juden zu gemeinsamem Gebet und jegliche Kultübung unterbinden wollte. Man ging so weit, dass den Juden sogar die gemeinsamen Mahlzeiten verboten wurden. Sicherlich haben die Juden bei den gemeinsamen Mahlzeiten gebetet, wenn nicht sogar Gottesdienst, zur Umgehung des Verbotes, abgehalten..." (zitiert nach: Chronik der Juden in Leipzig, S. 219)

Es kam zu jahrelangen Auseinandersetzungen zwischen dem Rat der Stadt Leipzig und der Vertretung der Messejuden um das Recht auf Abhaltung von Gottesdiensten in Privathäusern und Beten während der Mahlzeiten, in deren Verlauf auch immer wieder der König durch Eingaben einbezogen wurde. Die Juden drohten sogar damit, den Messen in Leipzig fernzubleiben, wenn ihnen diese Rechte nicht zugestanden würden. Am 4. Oktober 1820 erhielten sie schließlich vom Magistrat der Stadt Leipzig die Genehmigung, während der drei Leipziger Messen einen Gottesdienst nach dem Ritus der Reformer in einem Privatgebäude durchzuführen mit der Auflage, dass in deutscher Sprache gebetet und gepredigt und Choralgesänge mit Begleitung einer Orgel oder eines Chores erfolgen sollte.

„Nach dieser offiziellen Erlaubnis, Gottesdienst abzuhalten, wurde nach dem ersten Gottesdienst im 'Paulinum' der Universität dieser später im Herzenschen Hause in der Reichsstraße zelebriert. Im Laufe dieser Zeit hat diese Betgemeinschaft ihre Betsäle 'Leipzig-Berliner-Synagoge' genannt, obwohl die Berliner sich die Verwaltung der Synagoge vorbehalten hatten...Im Jahre 1845 wurde die 'Leipzig-Berliner-Synagoge' nach dem 'Heilbrunn' (Brühl 71) verlegt. Den Synagogenvorstand bildeten damals die Berliner I. Meyer und Benny Rathenau.... Mit ihnen wurden nun Verhandlungen angeknüpft, um die Synagoge in die Verwaltung der Gemeinde zu bringen. 1849 kamen diese Verhandlungen zum Abschluss, sodass die Synagoge im 'Heilbrunn' als erste Gemeindegottesdienstsynagoge bezeichnet werden muß. Diesen Gottesdienst machten die in Leipzig ansässigen Juden zu ihrer ständigen Einrichtung...Gab es doch auch noch keinen formellen Zusammenschluss der ansässigen Juden, so empfanden sie sich doch als Gemeinde, der Gottesdienst hieß auch bisweilen: 'Synagoge der israelitischen Gemeinde zu Leipzig'. (zitiert nach: Chronik der Juden in Leipzig, Seiten 224-226)

Rabbiner Wolf Ullmann, 1763 in Fürth geboren, war 1810 nach Leipzig gekommen und hielt auch zwischen den Handelsmessen im Herzschen Haus in der Reichsstraße 34 in dieser Leipzig-Berliner Synagoge den Gottesdienst für die ansässigen Leipziger Juden, da diese ja noch keine eigene Synagoge und keinen eigenen Rabbiner hatten. Der Kaufmann Elka Herz (1751-1816) war der frühere Besitzer des Hauses. Ullmann galt als religiöses Oberhaupt der kleinen Leipziger Gemeinde.

Seit Beginn des 18. Jahrhunderts durften sich die jüdischen Kaufleute für die Messezeit am Brühl ansiedeln. Die Kaufmannschaft und mit ihr der Rat von Leipzig verhielten sich abweisend gegen jede Ansässigkeit von jüdischen Kaufleuten, die als Konkurrenten angesehen wurden. Dennoch gelang es vereinzelten Juden, zum Beispiel Gerd Levi aus Hamburg, zu Beginn des 18. Jahrhunderts und später seit 1786 David Hirsch als Hof- und Schutzjude mit Genehmigung des Kurfürsten in Leipzig dauerndes Aufenthaltsrecht zu erlangen. Ende des 18. Jahrhunderts hatten sechs Familien als „Schutzjuden" ihren festen Wohnsitz in Leipzig. Aber: „Sie durften keinen Großhandel treiben; sie durften keinen offenen Laden haben. Sie durften kein Bethaus errichten; sie durften sich nicht in Leipzig begraben lassen. Ihre Toten mussten sie ins 'Ausland' transportieren, fünfzig Meilen weit nach Dessau z. B., wo der regierende Fürst von Anhalt die Gnade gezeigt hatte, den Juden einen Begräbnisplatz zuzugestehen. Diese Situation entbehrte nicht einer tragischen Ironie, denn Leipzig brauchte zu gewissen Jahreszeiten die Juden. Seit dem Mittelalter hatten sich die periodisch gehaltenen Warenmessen zur Hauptstütze der Leipziger Wirtschaft entwickelt. Um 1800 herum zählte Leipzig normalerweise 30.000 Einwohner. Zur Messezeit kamen 13.000 Messegäste hinzu und von denen war ein Viertel Jude. Ohne die Messen wäre Leipzig eine wenig bedeutende Provinzstadt gewesen. Durch die Messen hatten Stadt und Bürgerschaft Reichtum und Weltgeltung erworben und ohne die jüdischen Kaufleute und Händler aus allen Teilen Europas und besonders aus den jüdischen Siedlungsgebieten Osteuropas wären die Messen kaum zu ihrer großen Bedeutung gekommen. Als Fremde, die Geld und Gut in die Stadt brachten und dann wieder verschwanden, waren die Juden willkommen. Nur wenn sie ihr Heim dort gründen wollten, begegnete man ihnen mit Ungnade und Schikanen." (aus dem 1962 erschienen Artikel von Fred Grubel, „Der Judenfriedhof im Johannistal", zitiert nach: Brocke, Stein und Name, Jüdische Friedhöfe in Ostdeutschland, S. 454-455)

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts kam es bei den Leipziger Messen zu spürbaren Verbesserungen für die jüdischen Händler aus Polen, Russland und Ungarn. Sie wurden 1772 vom Leib Zoll befreit und zahlten zum ersten Mal nicht mehr als christliche Kaufleute für ihre Teilnahme an der Messe. Auch hatte sich der Osthandel in Leipzig verstärkt. Die Entwicklung Leipzigs zum Zentrum des Pelzhandels haben die jüdischen Messebesucher wesentlich beeinflusst. Ihr Messequartier hatten sie am Brühl. Um 1800 bestritten Händler aus Russland und Polen fast ein Drittel des Warenumsatzes während der Messen. Eine besonders große Rolle spielten dabei die Kaufleute aus Brody. Ein Brodyer gehörte zu denen, die sich in Leipzig ansiedeln durften. Auch außerhalb der Messen konnte er Pelzhandel betreiben. Die Juden aus der nordgalizischen Stadt Brody richteten am Brühl im Haus „Zum blauen Harnisch" die erste Betstube ein. Diese im Jahr 1753 gegründete „Brodyer Synagoge" ist die älteste der Betstuben, von der man sichere Kenntnis hat. Sie wurde nur während der Messen benutzt. Der Raum war nicht sehr groß, doch um 1790 noch ausreichend, um die etwa 30 Juden, die dort regelmäßig beteten, aufzunehmen. Im folgenden Jahrzehnt nahm die Zahl der Beter stark zu, im Jahre 1800 sollen es bereits 250 Brodyer gewesen sein, sodass der Raum viel zu eng wurde. „Bei dem Aufschwung, den die Messe nach dem Krieg nahm, waren polnische, besonders Brodyer Kaufleute in hohem Maße beteiligt, sodass die Schaffung eines landsmannschaftlichen Gottesdienstes sehr erklärlich ist. Als dieses Betlokal kurz vor dem Jahre 1800 zu kleine wurde, planten die Brodyer die Einrichtung einer neuen Betstätte oder gar einer Synagoge. .. um 1800 gelang es den Brodyer Juden, einen repräsentativen Betsaal, mehr Synagoge, einzurichten." (zitiert nach: Chronik der Juden in Dresden, S. 227) Dem Rat der Stadt war die Anwesenheit der Brodyer Juden inzwischen so wichtig, dass er trotz des Widerstandes christlicher Kreise die Errichtung des erweiterten Betsaals gestattete.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden neben der Leipzig-Berliner-Synagoge und der Brodyer Betstube noch weitere Betstuben errichtet: 1822 werden die Tykotschiner und die Wilnaer Betstube genannt, 1835 sind zusätzlich noch die Betstuben der Warschauer, Dessauer, Wollsteiner, Breslauer, Krakauer und Halberstädter Kaufleute vorhanden.

Die Französische Revolution führte im Unterschied zu Preußen nicht gleich zu vollen Bürgerrechten in Sachsen. Erst ab 1830 wurde die Gleichberechtigung auch hier nach und nach realisiert. 1837 erließ der sächsische König Friedrich August ein weitreichendes Dekret, in dem er den Juden in Dresden und Leipzig die Genehmigung erteilte, sich jeweils in einer Religionsgemeinschaft zu vereinigen, ein Bet- und Schulhaus zu errichten und ein Grundstück zur Errichtung desselben zu erwerben. Die bisherigen Privatsynagogen sollten aufgehoben werden, für die die Messe zu Leipzig besuchenden ausländischen Juden sollten diese aber weiterhin gestattet sein. Siebzig bis achtzig Juden waren zu der Zeit eingeschriebene Mitglieder der Religionsgemeinschaft, vorwiegend Kaufleute, Handwerker, Intellektuelle, und auch schon Arbeiter. Wenige Jahre später waren es bereits 162 Juden.

1846 gründete sich die liberale Synagogengemeinde Leipzig, es entstand die erste Synagogen- und Gemeindeordnung und ab 1849 verwaltete die Gemeinde die Leipzig-Berliner Synagoge, die damit als erste Gemeindesynagoge galt. Schon bald jedoch wurde wegen der stetig anwachsenden Gemeindemitgliederzahl eine größere Synagoge geplant. 1853 kaufte die jüdische Gemeinde ein Grundstück an der Gottschedstraße, Ecke Zentralstraße. Für die Finanzierung der Synagoge wandte sich der Gemeindevorstand auch an die Gemeindemitglieder, um Spenden zu sammeln. 80 jüdische Familien spendeten Mittel zur Errichtung der Synagoge. Der Architekt Otto Simonson (1829-?), ein Schüler von Gottfried Semper (1803 bis 1879), wurde mit dem Entwurf für die zu errichtende Große Leipziger Synagoge beauftragt. Am 7. September 1854 fand im Beisein königlicher, städtischer und geistlicher Behörden die feierliche Grundsteinlegung statt, bei der Rabbiner Dr. Jellinek in seiner Rede u.a. die folgenden hoffnungsvollen Worte sprach, deren Tragik wir heute erfassen können, da wir wissen, wie der weitere Verlauf der Geschichte diese Hoffnungen zerstört hat: „Vertrauensvoll übergeben wir dem Grundstein die Ankündigung des Regierungsantrittes Sr. Majestät, unseres Königs JOHANN, dessen Thron nicht mehr von Unterthanen umgeben ist, die um Gleichstellung bitten müssen...

Es vertraut das Volk seinem erhabenen König, die Stadt ihrem aufgeklärten Bürgermeister, die Gemeinde ihrem trefflichen Vorstande; auf diesem Vertrauen zwischen Fürst und Volk, zwischen Untergebenen und Vorgesetzten, zwischen Bürger und Bürger, zwischen Confession und Confession ruhe unser künftiger Gottestempel, fest und unerschütterlich für alle Zeiten! 'Vertrauen erweckt Vertrauen', mit diesem königlichen Spruch sei der Grundstein geweiht und gesegnet! Amen" (zitiert nach: Chronik der Juden in Leipzig, S. 235)

„Die unregelmäßige Grundform des Bauplatzes stellte den Architekten vor eine besondere Schwierigkeit. Simonson löste die Aufgabe, indem er dem Gotteshaus den Grundriss eines Trapezes gab. Den Synagogenraum entwarf er in Form einer Emporenbasilika im maurischen Stil. Das überhöhte Mittelschiff wurde durch je drei Arkaden mit Hufeisenbögen von den Seitenschiffen getrennt. Die Längsachse verlief von West nach Ost zum Thoraschrein. Der Schrein, der 15 Thorarollen enthielt, befand sich – abgesondert vom Schiff – in einem Rundbau mit Oberlicht."(zitiert nach: Bernd-Lutz Lange, Jüdische Spuren in Leipzig, Leipzig 1993, S. 37, Foto S. 38, 41,42)

Beim Anblick des Hauptraumes berichtete euphorisch ein Betrachter: „Wir stehen am Eingang, der Blick stellt sich dar, das geräumige, hohe Mittelschiff, über welches das durch zahlreiche, dicht unter dem Plafond angebrachte Fenstergruppen herabfallende Licht eine magische Wirkung ausgießt..." (zitiert nach: Chronik der Juden in Leipzig, S. 242)

Bei der Größe der Synagoge – sie gab Platz für 1.600 Besucher - wurden die vielen Messebewohner miteingeplant. Am 10. September 1855 erfolgte die Weihe durch den Rabbiner Dr. Adolf Jellinek (1820-1893), der seiner Rede den Text des 2. Moses, 25,8 zugrunde legte: „Und sie sollen mir ein Heiligthum machen, dass ich unter ihnen wohne." So wie bereits bei der Grundsteinlegung sprach er im Geiste der Versöhnung. Denn „nicht das Werk einer kurzen Zeit oder eines Bekenntnisses oder eines Volkes allein ist dieser Tempel, sondern die edelsten Geister, die Kräfte verschiedener Völker und verschiedener Confessionen und zwei erleuchtete Fürsten haben dazu mitgewirkt und die Bürgerschaft Leipzigs hat ihn durch Rath und That gefördert, sodass er, entsprechend jenem am jüdischen Versöhnungstag überkommenen Gebote, dastehe als ein Bau der Versöhnung, der Eintracht und der Menschenliebe." (zitiert nach: Chronik der Juden in Leipzig, S. 246)

Wegen des maurischen Stils erhielt die Synagoge den Beinamen „Tempel". Nach der Einweihung der neuen Synagoge wurde die Berliner Synagoge als Privatsynagoge weitergeführt. Am 29.3.1868 wurde die von den Erben des ersten Gemeindevorstehers Hermann Samson gestiftete Orgel eingeweiht. Die Orgel war ein Beleg für die liberale Haltung der Gemeinde. Erster Gemeinderabbiner wurde 1858 Abraham Meyer Goldschmidt (1812 -1889). Von 1917 bis 1934 hatte Felix Goldmann dieses Amt inne. Er war sehr um Verständigung zwischen liberalen und orthodoxen Juden bemüht und arbeitete mit seinem orthodoxen Amtskollegen Dr. Ephraim Carlebach zusammen.

Die Messestadt galt als ein Zentrum des Liberalismus in Deutschland. Das Leipziger Bürgertum verhielt sich der Religionsgemeinde gegenüber positiv. „Bei Brockhaus erschienen 1844 die gesammelten Schriften Moses Mendelssohns. Sein dem Luthertum angehörender Enkel, Felix Mendelssohn Bartholdy, trat an die Spitze des Gewandhauses und wurde zum Gründer der heutigen Musikhochschule. Die Universität hat sich jüdischen Wissenschaftlern nicht verschlossen. Sie berief 1837 Julius Fürst zum 'Lector publicus' für Orientalistik, ausdrücklich für talmudische Sprachen und Literatur, auch wenn ihm zunächst 'mit Rücksicht auf die bestehende Verfassung der Universität' die Professur versagt blieb. Nur Christen waren für ein solches akademisches Amt zugelassen. Wenige Jahre später hatte er doch die Professur erhalten. Und 1838 promovierte an der Universität als erster Jude der auswärtige Rabbiner Samuel Holdheim mit einer Dissertation über die Dogmatik der jüdischen Religionslehre." (zitiert nach: Juden in Leipzig, eine Dokumentation, S. 12)

1869 erhielten die Juden in Sachsen endlich durch die Verfassung des Norddeutschen Bundes gleiche bürgerliche und staatsbürgerliche Rechte.

Durch die industrielle Revolution und die zunehmende Bedeutung des Handelsplatzes Leipzig nahm die Zahl der jüdischen Einwohner in Leipzig in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stark zu. 1871 waren es etwa 1800, 1890 schon 4300 und zehn Jahre später lebten bereits 6200 Juden in Leipzig. Davon entfiel ein großer Anteil auf Zuwanderer aus dem Osten. Zudem flohen viele Juden vor den zaristischen Pogromen aus Russland. Die in Leipzig lebenden, aber aus unterschiedlich gearteten Milieus und Kultursphären stammenden Juden machten eine gemeinsame jüdische Gemeinde unmöglich. „Chassidim (Fromme) und Misnagdim (fromme orthodoxe Gegner) mussten miteinander leben. Polen, Litauer, Russen und Galizier begegneten sich tagtäglich. Und die Streitereien unter ihnen schwiegen nur, wenn der Widerstand gegen den gemeinsamen Gegner, die 'deutschen Juden', die offizielle 'Gemeinde', sie einte.

Aber auch die deutschen Juden waren nicht einheitlich, nicht alteinsässig, auch sie gehörten verschiedenen Traditionskreisen an, und so wies Leipzig in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts keine eigentliche Gemeinde im Sinne einer geistigen und jüdischen Zusammengehörigkeit auf, sondern war lediglich eine große Ansammlung von Juden, die zu einer Einheit gar nicht zusammenschmelzen wollte.
Die 'deutschen Juden' waren hauptsächlich aus Anhalt und Hessen-Nassau eingewandert, und in ihren kulturellen und jüdischen Anschauungen neigten sie ganz nach dem deutschen Westen. So war die Kluft zwischen 'Ostjuden' und 'Westjuden' unendlich tief." (zitiert nach: Chronik der Juden in Leipzig, S. 124)

Die 1846 gegründete liberale „Israelitische Religionsgemeinde" nahm auf die damals schon zahlreichen ausländischen an ihren orthodoxen Traditionen festhaltenden Juden keine Rücksicht. Die 1855 erbaute Synagoge erhielt selbstverständlich eine Orgel und der Gottesdienst wurde nach liberalem Ritus durchgeführt. Mit der großen Zahl von galizischen, polnischen und russischen Juden bildete sich in Leipzig die nach Berlin zweitgrößte unter sich nochmals sehr zersplitterte ostjüdische Gemeinde, die an ihrer jiddischen Sprache und ihren orthodoxen Bräuchen festhalten wollte und entsprechend ihrer Herkunft eine Fülle eigener kleiner Synagogen und Betstuben errichtete, z.B. die Jassyrer, Krakauer, Lemberger und viele andere mehr. Im 19. Jahrhundert und bis in die 1920er Jahre hatten etliche kleine Betstuben ihren eigenen „Rebbe" (Rabbiner).

„Nach Vorlage der (folgenden) Aufstellung an ehemals in Leipzig wohnende Juden wurde von diesen mitgeteilt, dass sich außer den (folgenden) aufgeführten Betstuben noch weitere in Leipzig befanden, deren Anschriften und Namen nicht mehr bekannt sind." (zitiert nach: Chronik der Juden in Leipzig, S. 230) „Wer kann all die Gotteshäuser in Leipzig nennen, die nach Städten oder dem Namen ihrer Stifter benannt waren, die Namen trugen, die für Synagogen üblich sind oder nach der Straße und dem Viertel, in welchem sie sich befanden?" (Simon Jakob Kreutner, Mein Leipzig, Jerusalem 1982, zitiert nach: Chronik der Juden in Leipzig, S. 262) Die meisten Synagogen und Bethäuser in Leipzig wurden zur NS-Zeit geschändet oder während des Krieges durch Bomben zerstört. Nur die ehemalige Brodyer Synagoge hat heute noch ihre ursprüngliche Funktion.

Quelle: http://www.eastgermanysynagogues.com/index.php/communities/162-leipzig-saxony-german

 
 
 
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