Jakob Kramer - Juden in Sachsen

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Jakob Kramer

Im Jahr 1937 verließ der Bruder meines Vaters, Onkel Lasar Noj Kramer, Polen. Er hatte zuvor in der jüdischen Gemeinde Krakau gearbeitet. Wenige Zeit nach Onkel Lasars Umzug verhaftete der Geheimdienst NKWD meinen Onkel und meinen Vater. Sie wurden der Spionage für Polen beschuldigt. Kaum vorzustellen, was mit der Familie geschehen wäre, wenn sich nicht die jüdische Gemeinde von Odessa um uns gekümmert hätte. Im Jahr 1939 ereilte meine Tante ein weiterer furchtbarer Schicksalsschlag. Die gesamte in Polen verbliebene Verwandtschaft kam ums Leben. 21 Verwandte wurden ins Ghetto deportiert und erschossen.

Als Deutschland die Sowjetunion überfiel, blieb unsere Großfamilie zunächst bis zur deutsch-rumänischen Besetzung in Odessa. Meine Tante versuchte dann, sich über die Stadt Nikalojew ostwärts evakuieren zu lassen. Meine Mutter dagegen blieb mit den Kindern im besetzten Odessa. Um die Familie zu ernähren, trat sie als Übersetzerin in den Dienst der deutschen Militärverwaltung. In dieser Eigenschaft kam sie an wichtige Informationen über die Truppenbewegungen und die Aktionen der Besatzerarmee heran, die sie an das im Untergrund tätige Bezirkskomitee weitergab. Unvorstellbar, wie viel Energie, Hass und Erfindungsgeist in der zierlichen Person steckten. Im Herbst 1943 wurde die Gruppe um meine Mutter verraten und erschossen. Sie selbst blieb noch bis zum Frühjahr 1944 in Haft. Die Faschisten erschossen sie, als die sowjetischen Truppen bereits an den Stadtrand von Odessa vorgerückt waren, auf dem Gefängnishof. Am 9. Mai 1961 wurde ihr postum der "Rotbannerorden" verliehen.

Nach dem Krieg lebten wir in Odessa. Meine Schwester wuchs bei Nachbarn auf, die sie nach dem Krieg aufgenommen hatten, um zu verhindern, dass sie in ein Heim gebracht wird. Meine Geschwister sind 1957 nach Israel ausgereist. Über das Schicksal der Familie meiner Tante habe wir nie etwas in Erfahrung bringen können. Alle Versuche sie zu finden, schlugen fehl. Aufgrund einer Gefäßkrankheit habe ich nicht in der Armee gedient. Nach dem Krieg absolvierte ich eine Handwerkerlehre und lernte anschließend an der Fachschule für Straßenbau. Ich arbeitete in der Straßenbauverwaltung. Im Fernstudium schloss ich das Kiewer Polytechnische Institut ab. Ich bin verheiratet, habe zwei Kinder und drei Enkelkinder.

Wir sind im Januar 2001 nach Deutschland gezogen. Im Herbst 2003 hatte ich Gelegenheit, die Stadt Erfurt zu besuchen und beim Spaziergang durch die Stadt, den Spuren meines Großvaters Abraham Guterman zu folgen. Wer weiß, welchen Verlauf das Schicksal meiner Familie ohne den Krieg genommen hätte?

Übersetzung: Irina Trippel, Redaktion: SW, Dr. Dorothea Ernst

Der Text entstand auf der Basis eines Interviews, das Mitarbeiter des Projekts „Oral History" (IWOS Leipzig beim DRZ Sachsen e. V.) geführt haben. Leiter des Projekts: Igor Kadykov.

 
 
 
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