Internetportal Juden in Sachsen - Juden in Sachsen

Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü:

Das Internetportal „JUDEN in SACHSEN“

Das Internetportal „JUDEN in SACHSEN“ ist eine Selbstverpflichtung des Deutsch-Russischen Zentrums Sachsen e. V. zur Realisierung des NATIONALEN INTEGRATIONSPLANES der Bundesrepublik Deutschland im Freistaat Sachsen.

Interview mit Herrn Herbert Schmidt, Vorstandsvorsitzender des Deutsch-Russischen Zentrums Sachsen e .V., aus Anlass der Freischaltung des Webportals JUDEN in SACHSEN im August 2007

Das Interview führte Frau Susann Weien, Chefredakteurin des Internetportals „JUDEN in SACHSEN“

Weien: Das Deutsch-Russische Zentrum (DRZ) wurde 1994 gegründet und seit dieser Zeit ist die Integration von Spätaussiedlern und von Jüdinnen und Juden, die als Kontingentflüchtlinge aus der UdSSR und deren Nachfolgestaaten zu uns gekommen sind, ein Arbeitsschwerpunkt des Zentrums. Warum tritt das DRZ jetzt, nach Zeiten doch eher „gebremster" Öffentlichkeitsarbeit, mit der Präsentation „JUDEN in SACHSEN", als Selbstverpflichtung zum NATIONALEN INTEGRATIONSPLAN, an die Öffentlichkeit?

Schmidt: Im Jahre 2006 gab es für uns zwei Anlässe, die letzten Endes zum Vorstandsbeschluss „Internet-Präsentation JUDEN in SACHSEN" vom Frühjahr dieses Jahres führten, aus dem dann die Selbstverpflichtung resultierte. Mit der Präsentation wollen auch wir einen Beitrag für die Integrationsdokumente des Freistaates Sachsen, der Stadt Leipzig und des Landratsamtes Leipziger Land leisten, die ja wohl nun, nach und als Bestandteile des Integrationsplanes zu erarbeiten sind.

Der eine Anlass war das die Gründung des JÜDISCHEN FORUM beim DRZ und der andere der erste Integrationsgipfel der Bundesregierung im Jahre 2006, mit der für uns hochwillkommenen Absichtserklärung, Integration als Staatsziel und als gesamtgesellschaftliche Aufgabe zu definieren und zu dokumentieren, also Absicht, Ziel und Aufgaben von Integration in einem NATIONALEN INTEGRTIONSPLAN festzuschreiben.

Der NATIONALE INTEGRATIONSPLAN liegt seit 12. Juli vor, als Dokument des Bundesrates und der Bundesregierung. Wir hoffen, dass unsere Arbeit nun noch effektiver und noch nachhaltiger sein kann, wenn sich das Land und auch die Kommunen damit identifizieren und Mitarbeit einfordern. Die Lektüre des Planes stimmen mich und meine Kolleginnen und Kollegen sehr optimistisch.

Weien: An „Selbstverpflichtungen" erinnere ich mich ebenso wie an „persönliche Kompasse" aus meiner DDR-Jugend. Sie auch?

Schmidt: Ich auch. Worte stehen in Deutschland nicht unter Denkmalschutz. Pläne und Selbstverpflichtungen sind, wenn man denn will, überprüfbar. Dem wollen wir uns ebenso stellen, wie es die Bundesregierung mit dem NATIONALEN INTEGRATIONSPLAN vorhat, über dessen Wirksamkeit bereits im Herbst 2008, im Rahmen eines dritten deutschen Integrationsgipfels befunden werden soll.

Frau Staatsministerin Prof. Dr. Böhmer schreibt in der Einleitung zum NATIONALEN INTEGRATIONSPLAN, als Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, nachzulesen auf Seite 10 dieses Dokumentes: „Die zweite Leitlinie unserer Integrationspolitik lautet daher: Von jeder und jedem Selbstverpflichtungen in seinem und ihrem Verantwortungsbereich einfordern, denn alle können etwas zum Gelingen von Integration in Deutschland beitragen." Das begrüßen wir alle im DRZ ebenso, wie ihre Feststellung, dass Integrationspolitik „einen nüchternen Umgang mit den Realitäten" erfordert und „Defizite nicht tabuisieren" darf - nachzulesen auf Seite 11 des gleichen Dokumentes. Auch deshalb diese unsere Selbstverpflichtung aus unserem „Verantwortungsbereich".

Weien: Warum wird die Präsentation „JUDEN in SACHSEN" der Präsentation „RUSSEN in SACHSEN" vorgezogen?

Schmidt: Bereits im Jahre 2000 erschien in den Editionen aus dem Deutsch-Russischen Zentrum zu Leipzig e.V. (unser damaliger Vereinsname) die Arbeit von Friedhelm Kuschner, „Zwischen zwei politischen Kulturen - Aussiedler in der Bundesrepublik Deutschland", die vielen anderen mit Integrationsarbeit befassten Vereinen und nachweislich auch staatlichen Entscheidungsträgern geholfen hat, sich den Integrationsproblemen der Spätaussiedler zu nähern, die als ehemalige Angehörige der deutschen nationalen Minderheit der UdSSR oder deren Nachfolgestaaten zu uns, nach Deutschland gekommen sind, aus dem ihre Vorfahren 250 Jahre früher nach Russland auswanderten.

Drei Jahre später halfen Mitarbeiter des DRZ das Buch „Russen in Leipzig", ediert vom Europa-Haus Leipzig, herauszugeben.

Jüdinnen und Juden aus den Nachfolgestaaten der UdSSR, ehemalige Angehörige der jüdischen nationalen Minderheit der UdSSR und ihrer Nachfolgestaaten, die als Kontingentflüchtlinge nach Deutschland kamen, arbeiten im Ehrenamt und in geförderten Arbeitsmaßnamen seit 1996 im und beim DRZ. Unser Sozialdienst hat Verbindungen zu mehr als 600 jüdischen Familien. Die Arbeitsgruppe Oral History unseres Instituts für West-Ost-Studien hat bisher auch über einhundert Interviews mit Jüdinnen und Juden geführt, von denen eine Auswahl in der Präsentation „JUDEN in SACHSEN" publiziert werden soll.

Nicht nur am Rande: Bei den Juden ist es nicht anders als bei den Deutschen auch: Nicht alle sind gläubig, nicht alle sind - z. B. in Leipzig - Mitglieder der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig, zu deren Vorstandsvorsitzenden Küf Kaufmann und zu deren Rabbiner wir ein enges und freundschaftliches Verhältnis unterhalten, oder können das nach der Halacha überhaupt sein. Viele kommen aus multinationalen Familien.

Vor allem von solchen und für solche Jüdinnen und Juden wurde 2006 das JÜDISCHE FORUM beim DRZ gegründet. Mit dem Forum und dessen Mitgliedern arbeiten und wirken wir gemeinsam für die Renaissance eines deutschen Judentums in Deutschland. Das ist uns allen - Jüdinnen und Juden, Spätaussiedlern, Russen, Ukrainern, Armeniern, Deutschen und Angehörigen anderer Nationalitäten im DRZ - ehrenvolle Verpflichtung und - unterdessen - ein Schwerpunkt bei unseren Bemühungen um Förderung der Integration nach den DRZ-Grundsätzen Fordern und Fördern, Hilfe zur Selbsthilfe und Selbstbestätigung durch Selbstbetätigung, die wir alle drei bereits 1998 festgeschrieben haben und seither praktizieren.

Weien: Sie sagen gelegentlich, dass Integration immer nur die eine Seite „der Medaille" sei. Die andere wäre der alltägliche Kampf gegen real existierenden Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus. Wie wird sich das in der Präsentation JUDEN in SACHSEN widerspiegeln?

Schmidt: Zu diesem „Beziehungsgefüge" stehen wir alle im DRZ. In allen Bereichen des DRZ, im Sozialdienst, im Kommunikationstraining, im Integrationsklub GSHELKA, im Institut für West-Ost-Studien, in der Integrationstouristik und in anderen Projekten wirken immer auch Jüdinnen und Juden. Wir alle machen auch gemeinsame Erfahrungen mit Antisemitismus.

Im Sächsischen Landtag gibt es nicht nur fünf Fraktionen demokratischer Parteien, da sitzen auch die NPD-Männer und die NPD-Frauen. Letztere wollten unter anderem nach der Konstituierung des amtierenden Landtages anstatt einer Ausländerbeauftragten einen „Ausländer-Rückführungs-Beauftragten" wählen lassen. Wir wissen, dass dabei vor allem auch Jüdinnen und Juden aus den Nachfolgestaaten der UdSSR ins NPD-Kalkül gezogen waren. Die demokratischen Parteien haben Frau de Haas gewählt; ihr fühlen wir uns in ihrer Arbeit nicht nur deshalb verbunden, weil es ja zum Teil auch unsere Arbeit ist.

Antisemitismus ist heute in der Mitte der deutschen Gesellschaft (wieder?) angekommen; in manch anderem EU-Mitgliedstaat auch. Dazu werden wir, was vor allem Sachsen betrifft, in der Präsentation „JUDEN in SACHSEN" aktuell informieren. Gegen Antisemitismus in Deutschland anzugehen, ist - ebenso wie Integration - eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Oder mal anders gesagt aber auch so gemeint: „Verfassungsschutz" sind wir in dieser Beziehung alle.

Weien: Wie sehen Sie die DRZ-Maxime „Selbstbestätigung durch Selbstbestätigung" im Kontext zur DRZ-Maxime Kampf gegen Antisemitismus?

Schmidt: Zunächst: Gegen Antisemitismus zu kämpfen ist besonders effektiv, wenn das in Deutschland Juden und Deutsche gemeinsam bewirken. Damit haben wir im DRZ jahrelange und ausschließlich positive Erfahrungen. Nicht nur bei Veranstaltungen mit Jugendlichen und Kindern haben unsere jüdischen Kollegen die sehr viel nachhaltigere Resonanz. Darauf sind wir stolz. Und dabei helfen uns - Juden und Deutschen - auch die gelegentlichen deutlichen Worte der Vorsitzenden des Zentralrates der Juden, der von uns sehr geschätzten Frau Knobloch, in den Medien ebenso, wie das zu Lebzeiten von Paul Spiegel bereits mit seiner Haltung der Fall war.

Die allermeisten Jüdinnen und Juden aus den Nachfolgestaaten der UdSSR kamen zu uns mit großen Erwartungen, hohen Qualifikationen und mit einer sagenhaften Motivation, sich in der neuen Heimat in die deutsche Gesellschaft zu integrieren. Sprachprobleme waren das eine. Deshalb gibt es beim DRZ seit 1998 den Bereich Kommunikationstraining, übrigens von einer Spätaussiedlerin geleitet. Defizite hinsichtlich jüdischer Geschichte der letzten hundert Jahre bei ihnen und falsche Erwartungen und Praktiken einiger Entscheidungsträger unterschiedlicher Ebenen in Deutschland hinsichtlich ihrer Religiosität waren das andere (da kommen natürlich noch ein paar andere Probleme dazu).

Sie kamen - in der UdSSR primär über Arbeit sozialisiert - in ein Deutschland mit hoher Arbeitslosigkeit und mit für sie überdurchschnittlichen Zugangsbarrieren zum Ersten Arbeitsmarkt. Das betraf und betrifft nicht nur Sprachdefizite.

Im DRZ haben wir alles getan, so viele Jüdinnen und Juden als irgend möglich in die bei uns möglichen geförderten Arbeitsgelegenheiten zu bringen und sie zur Arbeit im Ehrenamt zu motivieren. Die hohe Motivation und die enorme Bereitschaft hat uns früher erstaunt. Heute stimulieren wir das gemeinsam, auch durch beim DRZ ausgebildete Integrationslotsen.

Kampf gegen Antisemitismus und Verständnis bei der Aufnahmegesellschaft für die neuen oder potenziell neuen deutschen Staatsbürger jüdischer Nationalität verbindet sich am besten, wenn man diese neuen deutschen Staatsbürger der Öffentlichkeit „präsentiert", besser, wenn sie sich selbst präsentieren. Wir veranstalten Ausstellungen, Vorträge, Workshops; in unserem Integrationsklub GSHELKA, geleitet von einem Juden, ist fast täglich „etwas los". Die Veranstaltungen der Integrationstouristik sind multinational ausgelastet.

Und nun soll ein neuer Aspekt dieser unserer gemeinsamen deutsch-jüdischen Arbeit unsere Präsentation „JUDEN in SACHSEN" sein, eine Präsentation von Juden und Deutschen für Juden und Deutsche, eine angemessene Selbstverpflichtung zur Realisierung des NATIONALEN INTEGRATIONSPLANes, eine Präsentation, die das Jahrhunderte lange Zusammenleben von Deutschen und Juden in Europa und Deutschland und die Bedeutung des Judentums für europäische und deutsche Kultur und Zivilisation versucht widerspiegeln zu helfen, eine Präsentation für Integration und gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus.

In diesem Sinne hoffe ich sehr, dass unser Internetportal „JUDEN in SACHSEN" von vielen Interessenten genutzt wird, wir aus dem Kreise der Nutzer möglichst viele Mitarbeiter für die Gestaltung dieses Portals gewinnen können und auch damit den Erwartungen der Nutzer immer besser entsprechen können.

Dabei wünsche ich uns allen, besonders auch Ihnen, Frau Weien und Ihrer Redaktion Erfolg, Spaß und das nachhaltige Wirken für Integration und gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus.

Der Nationale Integrationsplan
 
 
 
Suchen
Counter
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü