Galina Lukaschevitsch - Juden in Sachsen

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Galina Lukaschevitsch

Großmutters Familie war jedoch nicht religiös. Ich erinnere mich nicht daran, dass meine Großmutter nach jüdischen Traditionen lebte. Sie übte irgendein Handwerk aus, mit dem sie die Familie versorgte und allen Kindern eine Ausbildung ermöglichte. Einige ihrer Nachkommen bekleideten später hohe Posten. Meine Mutter ging im Jahr 1929 zum Studium nach Moskau. Sie zog zu ihrer älteren Schwester. Die Schwester wohnte in einem zwanzig Quadratmeter großen Zimmer im Zentrum Moskaus am Kremlufer, direkt gegenüber dem Kreml. Unweit davon hatte auch der zukünftige Ehemann meiner Mutter, mein Vater, ein Zimmer gemietet. Meine Mutter absolvierte die Fakultät für Vorschulerziehung an der Moskauer Universität und dann das Lehrerinstitut. Vor dem Krieg arbeitete sie in der Schule. Sie unterrichtete russische Sprache und Literatur. Die anderen Geschwister meiner Mutter studierten in Leningrad. Später zog auch die Großmutter in die Stadt an der Newa.

Mein Vater, Josef Lwowitsch Vollmann, wurde am 19. März 1899 in Berditschew, in einer gebildeten und religiösen Familie geboren. Meine Großmutter väterlicherseits, Ruchlja Heimowna, geb. Landsberg, stammte ursprünglich aus Warschau und war in einem wohlhabenden, allerdings nicht übermäßig gebildeten Haushalt groß geworden. Mein Großvater väterlicherseits hieß Leo Naumowitsch Vollmann. Seine Familie war jüdischer Abstammung, sehr religiös und zählte sich zur polnischen Intelligenz Warschaus. Großvater Leo und Großmutter Ruchla waren polnische Staatsangehörige. Großvater ging in die Synagoge. Zu Hause trug er um den linken Arm und um die Stirn „Teffilin" gebunden (Gebetskaspeln d.h. ein kleines schwarzes Schächtelchen, durch das ein Lederriemchen gezogen worden war. Darin befand sich ein Schriftstück aus der Thora). Er bedeckte sich mit dem „Talliss" (Tallit, schwarz - weiß gestreifter Gebetsmantel) und betete.

Mein Vater hatte zwei Brüder, die wie er ein Hochschulstudium abschlossen haben. Der ältere Bruder, Isaak, lebte in Kiew und arbeitete als Verlagsredakteur. Mein Vater und sein Bruder Iona dagegen gingen nach Moskau und bezogen im selben Haus Quartier. Onkel Iona arbeitete als Kommerzdirektor des Moskauer Betriebs „Bogatyr". Er wohnte gemeinsam mit den Großeltern im Erdgeschoss. Während des Kriegs diente er bei der Zivilverteidigung und kam ums Leben. Großvater starb kurz vor dem Krieg, im April 1941. Großmutter tröstete sich später mit dem Ausspruch, der Großvater sei der glücklichste Mensch auf Erden: Er musste seine Kinder nicht überleben. Großmutter starb wenige Tage nach Kriegsende an Krebs. Mein Vater arbeitete im Ministerium für Schwermaschinenbau, das für die Rüstung zuständig war. Zwei Wochen vor dem Krieg wurde Vater zu einem militärischen Kurzlehrgang einberufen. Zu Kriegsbeginn war er somit bereits bei der Armee.

An den Ausbruch des Krieges kann ich mich gut erinnern. Noch Mitte Juni 1941 war ich mit meiner Mutter, die im Sommer nicht arbeitete, zu unseren Verwandten nach Leningrad gefahren. Wir hatten in der Siedlung Olgino bei Leningrad eine Datscha gemietet. Hier verbrachten wir jedes Jahr gemeinsam mit der Großmutter die Sommermonate. Am 22. Juni - das war ein Sonntag - ging ich mit Großmutter spazieren. Plötzlich kam uns ein Mann entgegen und schrie: „Wohin wollt ihr? Gleich spricht Molotow im Radio." Molotow war damals Außenminister der UdSSR. Nach Molotows Erklärung zum Kriegsbeginn im Radio packte meine Mutter schnell unsere Sachen zusammen und wir fuhren nach Leningrad. Dort kaufte sie mit Mühe Tickets für den Zug nach Moskau. Wir mussten einen Umweg machen und mehrmals umsteigen.

Als wir in Moskau ankamen, war mein Vater bereits kaserniert worden. Mutter fand Arbeit in einem Kindergarten. Mit diesem Kindergarten wurden wir in die Siedlung Chotkowo evakuiert. In unserem Moskauer Wohnhaus direkt gegenüber durften wir nicht bleiben. Alle Bewohner des Hauses mussten ausziehen. Das Haus wurde zur Tarnung gestrichen, sodass es sich farblich kaum vom Kreml abhob. Als Moskaus Umgebung bombardiert wurde, kehrten wir nach Moskau zurück. Auf Vorschlag meines Vaters fuhren wir in die Stadt Gorki zu Mutters Kusinen. Sie lebten in der Nähe einer Fabrik, in der sie arbeiteten. Bis Ende 1942 blieben wir in Gorki. Meine Mutter arbeitete wieder in einem Kindergarten. Bereits in den ersten Kriegsmonaten wurde mein Vater schwer verletzt. Etwa am 16. Oktober 1941, als in Moskau Panik ausbrach und die Menschen ihre Papiere und Dokumente aus Angst vor einer deutschen Besetzung verbrannten, besuchte mein Vater uns in Gorki. Er hinkte und benutzte beim Gehen einen Stock. Er verbrachte zwei Tage mit uns. Es war das letzte Mal, dass ich ihn gesehen habe. Vater fiel 1942 bei Gschatsk.

Ende 1942 wurde mein Onkel - Mutters Bruder - als Geschäftsführer einer Bank in die Stadt Smeenogorsk im Altaigebiet geschickt. Er schaute bei uns in Gorki vorbei, um uns mitzunehmen. Großmutter wollte nicht weiterreisen und kehrte nach Moskau zurück. Mein Onkel hatte vor dem Krieg einen guten Posten. Er arbeitete als stellvertretender Direktor der Kommerzbank. 1937 war er Repressalien ausgesetzt. Wie durch ein Wunder kam er 1938 frei. Nach Kriegsanfang wurde er sofort eingezogen. Er kämpfte in der berühmten Schlacht um den Brückenkopf Newskij Pjatatchok, bei der unzählige Soldaten ums Leben gekommen waren. Der Onkel wurde verwundet, demobilisiert und in den Altai arbeiten geschickt. Wir lebten bis Januar 1944 in Smeenogorsk. Meine Mutter arbeitete als Leiterin des Kindergartens. Ich besuchte die Schule. Im Sommer arbeitete ich im Garten und half meiner Mutter im Haushalt, denn wir waren eine große Familie: meine Mutter und ich, der Onkel mit Frau und Tochter und die Mutter meiner Tante.

Ich besuchte auch die verwundeten Soldaten im Lazarett, las ihnen Gedichte vor, schrieb für sie Briefe an die Verwandten, sprach mit ihnen und hielt ihre Hand, um sie zu beruhigen und zu trösten. Meine Lebensmittelkarte war im Vergleich zu den Lebensmittelkarten, die Arbeiter erhielten, nicht viel wert. Deshalb ging ich in den Sommermonaten im kilometerweit entfernten Schatursker Wasserkraftwerk arbeiten. Ich arbeitete in der Torfgewinnung. Die Erwachsenen machten aus dem Torf Ziegel. Die Kinder schleppten die Ziegel und stellten Ziegelpyramiden auf, damit die Ziegel schneller trockneten.

Im Januar 1944 kehrten wir nach Moskau zurück. Das Ministerium für Granatwerferrüstung, bei dem mein Vater vor dem Krieg gearbeitet hatte, schickte uns eine Einladung. Ohne diese Einladung wäre es für uns nicht möglich gewesen, nach Moskau zurückzukehren. Die Fahrt nach Hause war sehr schwierig. Smeenogorsk, wo wir lebten, befand sich 45 Kilometer vom Rayonzentrum Tretjaki entfernt. In Tretjaki gab es eine Eisenbahnlinie. Durch den tiefen Schnee konnten wir das Rayonzentrum nur mit einem Traktor erreichen. Von Tretjaki kamen wir zuerst nach Barnaul und dann nach Nowosobirsk. In Nowosibirsk konnte die Mutter dank des Schreibens aus Vaters Ministerium und zwei Flaschen Wodka als Geschenk Tickets bis Moskau ergattern. Während Mutter die Tickets besorgte, lag ich unter einer Bank im Bahnhof, es gab keinen anderen freien Platz, und passte auf unser Gepäck auf. Wir fuhren über zwei Wochen in einem Offizierswaggon. In Moskau betreute uns Vaters Ministerium weiter. Da noch keine Zentralheizung funktionierte, hat man uns Brennholz gebracht und damit konnten wir den Eisenofen „Burschujka" heizen und unser großes Zimmer wärmen. Wir bekamen auch Berechtigungsscheine für Kleidung.

Ich besuchte wieder dieselbe Schule, dieselbe 7. Klasse wie vor dem Krieg. Freunde meines Vaters vermittelten Mutter, die an einer schweren Diabetes erkrankt war, eine Stelle im Institut für Kinderspielzeug in Zagorsk (jetzt ist Sergiew Posad) bei Moskau. Damit sie eine Arbeiterlebensmittelkarte erhielt, vermittelte man auch gleich noch meine Großmutter in das Institut. Gearbeitet hat allerdings nur meine Mutter. Sie nähte zu Hause Spielzeuge aus Stoffen, die sie vom Institut bekam. Später arbeitete sie in einem Wanderbibliothekfonds, der verschiedene Betriebe mit Büchern belieferte. Nach meiner Heirat im Jahre 1952 zog ich zu meinem Ehemann nach Leningrad. Meine Mutter tauschte ihr Moskauer Zimmer für ein Leningrader Zimmer ein und zog 1955 zu uns. Aufgrund ihrer Krankheit war Mutters Sehkraft sehr geschwächt. Die Vereinigung für Invaliden, der sie angehörte, qualifizierte sie in der Bücherkatalogisierung. Mutter arbeitete bis zu ihrem Ruhestand in den Bibliotheken vieler Leningrader Betriebe und stellte Kataloge zusammen.

Ich habe die Schule nach der 7. Klasse verlassen. Meine Mutter hatte eine schwere Form von Diabetes, meine Großmutter war an Krebs erkrankt. Mutter konnte mich nicht länger unterstützen. Ich ließ mich an einer Fachschule für Chemie ausbilden und erhielt ein Stipendium. Nachdem ich die Fachschule mit „Auszeichnung" absolvierte hatte, schrieb ich mich an der Hochschule für chemischen Maschinenbau ein. 1953 habe ich das Studium abgeschlossen. Mit großen Schwierigkeiten erhielt ich die Zuweisung für eine Arbeitsstelle in Leningrad. Ich arbeitete etwa vier Jahre im Chemiewerk „Farmakor". Dann fand ich eine Stelle als leitender Konstrukteur für die Projektierung von Heizung und Ventilation im Zentralen Konstruktionsbüro eines Werkes für chemischen Maschinenbau.

1954 ist mein Sohn zur Welt gekommen. Nur fünf Jahr später, im Jahr 1959, starb mein Ehemann. Ich habe nicht wieder geheiratete und meinen Sohn allein großgezogen. 1986 bin ich in Rente gegangen. Im Ruhestand habe ich als Pförtnerin ganz in der Nähe meiner Wohnung im Haus der Volkskunst gearbeitet. Im „Rockklub 5 Jahre" habe ich Bekanntschaft mit vielen populären Rock-Musikern wie Grebenschikow, Zoi, Kintschew, Schewtschuk usw. geschlossen. Mit einigen von ihnen war ich befreundet. Das war damals eine große Zeit für die Rockmusik unseres Landes.

1998 bin ich nach Deutschland ausgereist und lebe seither in der Stadt Leipzig.

Übersetzung: Irina Trippel, Redaktion: SW, Dr. Dorothea Ernst

Der Text entstand auf der Basis eines Interviews, das Mitarbeiter des Projekts „Oral History" (IWOS Leipzig beim DRZ Sachsen e. V.) geführt haben. Leiter des Projekts: Igor Kadykov.

 
 
 
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