Galina Bordo - Juden in Sachsen

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Galina Bordo

Ihr Lehrbuch wurde in den bibliothekswissenschaftlichen Instituten zum Standardwerk für die Erstellung systematischer Kataloge [
Бердичевская Ц. М. Предметные указатели к систематическим каталогам научных библиотек. Теория и методика / Бердичевская Ц.М. - М.: Книга, 1974]. Meine Mutter beherrschte mehrere Sprachen: Englisch, Deutsch, Polnisch, Französisch. Das war Voraussetzung für ihre Arbeit. Die Leninbibliothek sammelt Bücher aus allen Ländern der Welt und in den verschiedensten Sprachen. Die Tätigkeit meiner Mutter bestand darin, die Bücher zu systematisieren und Annotationen zu schreiben. Das wäre ohne die Kenntnis vieler Sprachen unmöglich gewesen. Sie war ständig auf Achse.

So waren es genau genommen meine Großeltern, die mich großzogen, bis zur vierten Klasse, bis zum Krieg. Sie stammten aus der Ukraine, waren jedoch noch vor meiner Zeit nach Moskau gezogen. Mein Großvater hieß Moisej Isaakowitsch Berditchewskij. Er war sein Leben lang als Buchhalter in unterschiedlichsten Geschäften tätig. Zwar hatte er keine besondere Ausbildung, dagegen aber große Talente in der Mathematik und vor allem im Rechnen. Oft half er mir bei den Mathematikhausaufgaben. Auf eine sehr eigentümliche Weise, die nur er verstand, löste er meine Rechenaufgaben, deren Ergebnisse ich dann in der Schule als eigene Leistung präsentieren konnte. Üblicherweise schrieb die Hälfte meiner Mitschüler die Lösungen ab. Großvater stammte aus einer wohlhabenden Familie. Sein Vater - mein Urgroßvater - besaß in Moskau eine Lederfabrik. Die Großmutter - Vera Rafailowna, geborene Slutskaja - kam aus einer Rabbinerfamilie. Untereinander sprachen die Großeltern jiddisch. Sie lebten entsprechend der jüdischen Traditionen und Vorschriften, hielten Fastenzeiten und kochten jüdisch. Die Großmutter arbeitete nicht, sie zog die Kinder auf - in der Familie gab es zusammen mit meiner Mutter vier Kinder, zwei Töchter und zwei Söhne.

Meine Mutter hatte sich ganz ihrer Arbeit verschrieben. Sie war oft dienstlich unterwegs. Das Häusliche interessierte sie wenig. Als ich drei Jahre alt war, ließ sie sich von meinem Vater - Pawel Wladimirowitsch Pomeranzew - scheiden. Die Beziehungen zu meinem Vater blieben jedoch sehr eng. Er war von Beruf Metallurgieingenieur und hatte bereits in verschiedenen Fabriken gearbeitet, als er später an eine Metallurgiefachschule ging. Nach der Scheidung von meiner Mutter heiratete Vater ein zweites Mal. Seine neue Ehefrau hat ihn sehr geliebt und auch ich konnte zu ihr ein gutes Verhältnis aufbauen. Vater und seine Frau hatten zwei Kinder: eine Tochter und einen Sohn. Mit meiner Halbschwester, die in Moskau lebt, habe ich mich gut verstanden und wir stehen miteinander bis zum heutigen Tage in Kontakt. Ich war der zweiten Frau meines Vaters dankbar für ihre Liebe und Fürsorge Vater gegenüber, für die Unterstützung, die sie ihm gab, trotz seines schwierigen Charakters und seiner Neigung zu Depressionen. Depressionen würde ich streichen.

Meine Mutter und ich wohnten in einer Kommunalka (Wohngemeinschaft). Unser Zimmer war 26 Quadratmeter groß und diente früher als Wohnzimmer. Außer uns lebten weitere vier Familien in der Kommunalka. Früher hatte die Wohnung einem Metropoliten gehört, der in den frühen Jahren der Sowjetmacht gemeinsam mit seinem Sohn in ein Verbannungslager verschleppt worden war. Dort kamen beide ums Leben. Ich wuchs als ein sehr selbständiges Mädchen auf und wurde oft mir selbst überlassen. Zum Glück schauten ab und zu wenigstens die Nachbarn nach mir. Einmal - ich war damals kaum zehn Jahre alt - ging meine Mutter wie üblich dienstlich auf Reisen und ich bestellte einen Ofensetzer, der in unserem Zimmer einen Ofen bauen sollte. Eigens für diesen Zweck hatte ich zusammen mit meiner Freundin auf den verschiedensten Baustellen Ziegel gesammelt. Der Ofensetzer erzählte meiner Mutter später, dass er sich nie zuvor so viel Mühe beim Ofensetzen gegeben habe wie für mich.

In den Häusern rund um unseren Hof wohnten die Familien des Oberkommandos. Es gab zwischen den Kindern keine nationalen Streitigkeiten oder Unterschiede. Der Vater einer meiner Schulfreundinnen erzählte uns damals oft von seiner Kindheit, noch vor der Revolution, an der Grenze zwischen der Ukraine, Weißrussland und Polen. Die Einwohner seines Heimatortes lebten in Eintracht miteinander. Ostern wurde nach jüdischen, orthodoxen und katholischen Traditionen gefeiert. Die Pogrome waren in seinen Erzählungen das Werk fremder, von der Macht gedungener Leute, nicht das der Einheimischen. An den Anfang des Krieges kann ich mich gut erinnern. Ich war damals in einem nahe Moskau gelegenen Pionierlager der Militärakademie, in der meine Mutter arbeitete. Ich erinnere mich noch an die offiziellen Erklärungen zu Kriegsbeginn, an die schrecklich tief über dem Pionierlager kreisenden Flugzeuge und daran, wie die Männer - unsere Pionierleiter - von uns Abschied nahmen, um an die Front zu gehen. Es war furchtbar und beängstigend.

Meine Mutter organisierte meine Evakuierung. Gemeinsam mit meiner Tante und ihren zwei Kindern reiste ich nach Kasan, zu den Eltern der Tante. Dabei half uns ein mit meiner Mutter bekannter Eisenbahnbeamter. Er besorgte die Fahrkarten und begleitete uns auch zum Bahnhof. In Kasan trafen sich in zwei kleinen Zimmern 14 Verwandte wieder, die aus den verschiedensten Städten kamen: aus Moskau, Stalingrad usw. Ich schlief auf einem Tisch: es gab keinen anderen Schlafplatz für mich. Der Vater meiner Tante verdiente als Schuster dazu. Für seine Arbeit bezahlten die Kunden ihn mit den Lebensmittelprodukten. So brachte er uns alle durch. Die Versorgung über die rationierten Lebensmittelkarten funktionierte sehr schlecht. Es gab einfach keine Waren.

Ich ging in Kasan zur Schule. Meine Schulleistungen waren gut. Außerdem engagierte ich mich gesellschaftlich. Nach der Schule nähte ich zu Hause Handschuhe für die Front. Die Pelzstücken dafür wurden in der Schule verteilt. Wir unterhielten verletzte Soldaten im Lazarett mit unserem Laienkunstprogramm, tanzten, sangen Lieder und rezitierten Gedichte. Unsere Konzerte machte den Soldaten viel Spaß und wir wurden immer sehr herzlich empfangen. Ich erinnere mich daran, wie mich einer der Soldaten auf seinen Schultern durchs Lazarett trug. Im Sommer sammelten wir Heilpflanzen und gaben sie in der Apotheke ab. Ich hatte eine sehr enge Beziehung zu meiner Klassenlehrerin, die selbst keine eigenen Kinder hatte und mich sehr lieb gewann. Auch mit meinen Mitschülern kam ich gut aus. Wie auch schon vor dem Krieg habe ich damals nichts von Vorurteilen gespürt. Erst nach dem Krieg ist mir Antisemitismus begegnet.

Im März 1943 kehrte ich nach Moskau zu meinen Großeltern mütterlicherseits zurück. Sie waren den Krieg über in Moskau geblieben. Meine Mutter kehrte wesentlich später nach Moskau zurück als ich. Sie war nach Barnaul geflüchtet, zu den Verwandten ihres Freundes, des Eisenbahnbeamten, der uns bei der Abreise nach Kasan geholfen hatte. Sie fürchtete, dass sich bei unseren Verwandten in Kasan kein Platz für sie findet. Sie hätte mich auch nicht versorgen können. Nicht weit von der Moskauer Wohnung meiner Großeltern entfernt befand sich eine Tuberkulosefürsorgestelle. Auf Bitten meines Großvaters, der den Oberarzt gut kannte, erhielt ich dort ab und zu Frühstück, Mittagessen und Abendbrot. In der Tuberkulosefürsorgestelle war vor dem Krieg auch die älteste Schwester meiner Mutter, Rachel, als Ärztin angestellt. Sie hatte in Odessa das Medizinische Institut absolviert und war gleich in den ersten Kriegstagen zur Front eingezogen worden. Nach ihrer Demobilisierung 1948 arbeitete Tante Rachel wieder in der Fürsorgestelle und nahm, nachdem der Oberarzt in die Ruhestand getreten war, seinen Platz ein. Als Großvater an Lungenentzündung erkrankt war, wachten alle Ärzte der Tuberkulosefürsorgestelle am Bett des Kranken.

Nach dem Schulabschluss studierte ich in Moskau am Lehrstuhl Gerätetechnik des Baumann-Instituts für Physik und Technik. 1952/53 wurde die „Verschwörung der Ärzte" inszeniert und der Antisemitismus erreichte auch mich. Nach meiner Rückkehr von einem studentischen Praktikum in Gorki, hatte man mich aus meiner Studiengruppe ausgesondert. Ich wurde gemeinsam mit allen anderen jüdischen Kommilitonen unseres Studienjahres in eine spezielle Studiengruppe gesteckt. Von da an war unsere „Herkunft" für niemanden ein Geheimnis mehr. Etwas später versetzte man die Kinder Repressierter ebenfalls in unsere Gruppe.

Nach dem Studium, im Jahr 1955, erhielten alle nichtjüdischen Absolventen, die in Moskau lebten, einen Arbeitsplatz in Moskau zugewiesen, mich aber wollte man in der Stadt Uglitsch unterbringen. Auch das Argument, dass ich meine Mutter nicht allein in Moskau zurücklassen könne, üblicherweise ein Grund für ein entsprechendes Entgegenkommen bei der Verteilung, alles Bitten und Betteln half nichts. Selbst meine Kommilitonen legten ein Wort für mich ein. Zu guter Letzt wurde ich in einer Werkzeugfabrik eingesetzt, zuerst nur als Assistentin des Werkmeisters, nicht als Hochschulabsolventin. Ich fand allerdings kurz darauf eine Stelle als Oberingenieurin und Leiterin eines Werklabors. Später arbeitete ich in der technischen Abteilung.

1957 habe ich Wolf Maksowitsch Bordo geheiratet. Wir haben zwei Töchter. Nach der Geburt meiner ersten Tochter begann ich als Lehrerin an einer Abendschule zu arbeiten, um tagsüber mehr Zeit mit unserer Tochter verbringen zu können. Ich habe Physik unterrichtet. Als meinem Ehemann von seinem Betrieb eine neue Wohnung zugeteilt worden war, sind wir in einen anderen Stadtbezirk umgezogen, weit fort von der Schule, an der ich unterrichtet habe. Ich fand eine neue Stelle in einem Konstruktionsbüro und habe bis zur Rente als leitende Ingenieurin gearbeitet.

Im Jahr 2003 bin ich nach Deutschland in die Stadt Leipzig zu meiner älteren Tochter, die hier bereits seit einigen Jahren lebt, gezogen.

Übersetzung: Irina Trippel, Redaktion: SW, Dr. Dorothea Ernst

Der Text entstand auf der Basis eines Interviews, das Mitarbeiter des Projekts „Oral History" (IWOS Leipzig beim DRZ Sachsen e. V.) geführt haben. Leiter des Projekts: Igor Kadykov.

 
 
 
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