Buchhandlung Josef Ardel - Juden in Sachsen

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Buchhandlung Josef Ardel

1901 - 1938

Josef Ardel wurde am 11.4.1876 in Berlin geboren. Er zog 1888 nach Leipzig und absolvierte in der Firma Julius Hermann Müller, Leipzig, seine buchhändlerische Ausbildung. Anschließend machte er sich als buchhändlerischer Vertreter selbständig. Am 5. Mai 1901 gründete Josef Ardel eine Reise- und Versandbuchhandlung. Sein Geschäft befand sich in Czermaks Garten 12.

Im Ersten Weltkrieg kämpfte Ardel als Frontsoldat. Seit Januar 1935 war er Mitglied im Reichsbund jüdischer Frontsoldaten. Josef Ardel war mit Clara Grünbaum (1876 - 1943) verheiratet. Die Ardels wohnten in der Waldstraße 52. 1939 verloren sie ihre Wohnung und mussten in das Judenhaus Keilstraße 5 umziehen. Ardel überlebte die Deportation und den Lageraufenthalt in Theresienstadt. Seine Frau Clara, die 1942 ebenfalls nach Theresienstadt deportiert worden war, starb dort am 21.4.1943 an Unterernährung. Eine der Töchter Ardels, Leonora (Nora), geboren am 28.01.1901, hatte den in Berlin geborenen Kurt Warschauer geheiratet. Warschauer, dessen genaues Geburtsdatum auf den 14.08.1892 lautet, war in der Buchhandlung von Ardel tätig. Kurt, Leonore und Hannelore Warschauer, geboren am 12.12.1924, wurden gemeinsam am 27.03.1944 von dem französischen Drancy nach Auschwitz deportiert. Den weiteren Töchtern Ardels gelang die Flucht aus Deutschland.

Über das Schicksal der Buchhandlung während der Nazizeit und nach dem Zweiten Weltkrieg geben neu ermittelte Fakten aus dem Leipziger Staatsarchiv Auskunft. Am 24.9.1936 erhielt demnach „Josef Saul Ardel i. FA. Jos. Ardel, Leipzig“ eine Sondergenehmigung des Präsidenten der Reichsschrifttumskammer zur weiteren Ausübung kulturvermittelnder Tätigkeit im Bereich der Reichsschrifttumskammer. Das hieß, er durfte weiterhin als Buchhändler tätig sein. Derartige Sondergenehmigungen wurden nur erteilt, wenn die Firma für die Devisengewinnung des nationalsozialistischen Staates von Bedeutung war oder wenn ausschließlich jüdisches Schrifttum an jüdische Käufer verkauft wurde.

In einem Verkaufsangebot an den Verlagsbuchhändler Bernhard Koch, Königsberg (i. Fa. Gräfe und Unzer), datiert vom März 1938, heißt es, dass es sich um ein Reise- und Versandgeschäft mit erheblichem Umsatz im Ausland handelte. Der Verkauf kam nicht zustande. Am 17.8.1938 stellte der Rechtsanwalt Dr. Willy Hoffmann einen Antrag auf Ausreisegenehmigung für den Mitarbeiter der Buchhandlung, Kurt Warschauer, nach Athen und Sofia, um Geld einzutreiben, wichtige Devisen für das „Deutsche Reich“. Dem war ein Antrag vom 19.7.1938 bei der Reichsschrifttumskammer zum Fortbestand der Firma als jüdische Export- und Reisebuchhandlung vorausgegangen. Ungeachtet dessen wurde die Buchhandlung am 30.9.1938 geschlossen und per Liquidation enteignet.

Auf die Anfrage an den Börsenverein vom 2.9.1941, an wen die Firma übergegangen sei, heißt es in einer Notiz: lt. RSK keine Sondergenehmigung mehr und der Bescheid vom 5.9.1941 besagte Firma ist erloschen.

Fast fünf Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, am 15.12.1949, stellte Josef Ardel den Antrag auf einen Gewerbeschein für seine Buchhandlung Josef Ardel, Leipzig, Pölitzstraße 27. Der Gewerbeschein für eine Versandbuchhandlung wurde am 2.2.1950 erteilt. In den Mitgliedsakten des Börsenvereins aus dieser Zeit findet sich der Eintrag, dass Josef Ardel von 17.6.1921 bis zum 31.3.1937 bereits Mitglied des Börsenvereins war.

In Zusammenhang mit dem Slansky-Prozess flüchtete der Buchhändler 1953 aus Angst vor erneuter Verfolgung mit seinen Kindern über Westberlin nach Frankfurt am Main. Ein an Ardel gerichteter Brief des Börsenvereins vom 21.5.1953 kam mit dem Vermerk unbekannt verzogen zurück. Josef Ardel starb am 06.09.1964 in Frankfurt am Main.

Literatur:

  • Bertram, Ellen: Menschen ohne Grabstein: Die aus Leipzig deportierten und ermordeten Juden. Herausgegeben von Rolf und Brigitte Kralovitz in Verbindung mit der Ephraim Carlebach Stiftung und der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig, Leipzig, 2001, S. 57.

  • Ephraim-Carlebach-Stiftung [Hrsg.], Judaica Lipsiensia: Zur Geschichte der Juden in Leipzig, Edition Leipzig, 1994, Leipzig, S. 238.

  • Sächsisches Staatsarchiv – Staatsarchiv Leipzig

  • - BV I F 12405.

  • - Reichsbund jüdischer Frontsoldaten e.V. Ortsgruppe Leipzig. Mitgliederliste. 01.10.1938, PP-V Akte, Nr. 4508.

  • Willingham, Robert Allen: Jews in Leipzig: Nationality and Community in the 20th Century, Dissertation, 2005, Austin, S. 155-156.

  • www.ushmm.org/namesearch/ - United States Holocaust Memorial Museum, 28.12.2009.

  • www.yadvashem.org - The Central Database of Shoah Victims' Names, 28.12.2009.

  • Petra Dehmel


 
 
 
 
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