Basya Blagoveschenskaya - Juden in Sachsen

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Basya Blagoveschenskaya

Mein Vater, Isaak Gerschewitsch Plotkin, wurde im Jahre 1905 geboren. Er arbeitete als Direktor eines Warenhauses. Bereits in den ersten Kriegstagen, im Juni 1941, ging er an die Front. Später erhielten wir eine Mitteilung, dass er verschollen ist. Ich weiß nicht, was ihm zugestoßen ist und wo, wann und wie er ums Leben kam. Meine Großmutter väterlicherseits, Goda, hatte sechs Söhne. Keiner von ihnen ist von der Front zurückgekehrt. Alle sind im Krieg gefallen, einschließlich meines Vaters. Meine Mutter hieß Esfir Borisovna, ihr Mädchenname war Gorelik. Sie wurde 1906 geboren. Sie war Hausfrau und zog drei Kinder auf. Ich war das älteste Kind in der Familie. Mein Bruder war anderthalb Jahre jünger als ich. Meine Schwester war erst vier Jahre alt, als der Krieg ausbrach. Im Juni 1941 war meine Mutter mit meiner Schwester bei unseren Verwandten im Dorf Kowtschitsy bei Bobrujsk zu Besuch. Mein Bruder und ich befanden sich zu dieser Zeit in einem Pionierlager, das ebenfalls in der Nähe von Bobrujsk war. Als der Krieg ausbrach, konnten wir nicht von unseren Eltern abgeholt werden. Wie schon erwähnt, war unsere Mutter nicht in Bobrujsk gewesen. Es war fast unmöglich von dem Dorf, wo sie sich aufhielt, bis zu uns zu gelangen.

Mein Vater ging sofort an die Front. Mein Bruder und ich wurden zusammen mit dem Ferienlager evakuiert und in die Stadt Rogatschjow gebracht, die fünfzig Kilometer von Bobrujsk entfernt ist. Dort waren wir Kinder auf uns alleine gestellt. Die Erzieher haben uns dort zurückgelassen, da sie ihre eigenen Familien von Bobrujsk abholen mussten. Keiner hat uns gesagt, dass es sich um eine Evakuierung handelt. Man teilte uns mit, dass man einen Bombenangriff erwarte und dass sich alle im Wald, jenseits des Flusses Beresina verstecken sollten, um sich zu retten. Viele Menschen wurden so schnell evakuiert, dass sie keine Möglichkeit hatten, irgendetwas mitzunehmen. Sie besaßen nur das, was sie am Leibe trugen.

In Rogatschjow in einer Menschenmenge begegneten mein Bruder und ich unseren Nachbarn. Sie haben uns einen Tipp gegeben, wo wir unsere Großmutter Elka finden könnten. Sie war auch hier zusammen mit Sonja, der jüngeren Schwester unserer Mutter. Wir sind uns dann auch begegnet. Zu dieser Zeit war unsere Großmutter über sechzig. Den weiteren Weg legten wir zusammen zurück. Die Fahrt dauerte sehr lange und wir litten sehr an Hunger. Zuerst sind wir in das Tambovskaja-Gebiet gekommen, wo wir einige Zeit lebten. Dann sind wir weiter nach Mittelasien, in das Kysyl-Ordynskaja-Gebiet zu der Station Teren Usjak gefahren, wo wir in einer Schule untergebracht wurden. Es war noch Sommer und es gab keinen Unterricht. Außer uns vier haben im Zimmer auch noch andere evakuierte Leute gewohnt.

Dann kam der Herbst: Wir hatten immer Hunger und es gab keine Kleidung, außer den Sachen, die wir anhatten, als wir aus dem Pionierlager weggebracht worden waren. Es war eine Notsituation und unsere Großmutter war gezwungen, mich und meinen Bruder in einem Kinderheim abzugeben. Dort haben wir etwa zwei Jahre verbracht. Die Verpflegung war sehr schlecht. Der Aufenthalt dort hat uns ganz und gar nicht gefallen, denn die älteren Jungs haben meinen jüngeren Bruder ständig schikaniert, ab und zu haben sie ihm sogar die Fersen verbrannt.

In Mittelasien gingen wir auf eine kasachische Schule. Dort wurden wir auf Kasachisch unterrichtet. Die zweite Sprache war aber Russisch. Ich konnte die kasachische Sprache gut verstehen und fließend sprechen.

Nachdem wir das Kinderheim verlassen hatten, waren wir wieder mit unserer Großmutter zusammen. Wir konnten uns damals nur dadurch vor dem Verhungern retten, dass ich mit meinem Bruder bei Kasachen arbeitete. Wir haben mit bloßen Händen und der Hilfe eines Steins Getreide gemahlen. Dafür bekamen wir ein Stück Fladenbrot. Noch während des Krieges haben wir zufällig die Adresse unserer anderen Großmutter, der Großmutter väterlicherseits, Oma Goda, erfahren. Sie wurde zusammen mit der Frau einer ihrer Söhne und den Enkelkindern nach Tadschikistan evakuiert. Wir standen im Briefwechsel und erst nach dem Krieg konnten wir uns treffen. 1945 sind wir nach Hause zurückgekehrt. Unsere Wohnung war verbrannt, ebenso die Wohnung von Großmutter Elka. Später bekam Oma Elka zusammen mit ihrer Tochter Sonja ein Zimmer. Mein Bruder lebte bei ihnen, während ich bei Oma Goda blieb. Ihr Häuschen war nicht zerstört und bestand aus zwei Räumen. Ein Zimmer war für mich und meine Oma und das andere für ihre zwei Schwestern, die aus Homel gekommen waren. Die jüdischen Traditionen wurden in der Familie nicht gepflegt. Allerdings sprach meine Großmutter mit ihren Schwestern Jiddisch. Deshalb konnte ich Jiddisch verstehen, sprechen konnte ich es aber nicht.

Als wir nach Bobrujsk zurückkehrten, waren wir ausgehungert. Die erste Zeit aßen wir Tag und Nacht Kartoffeln, die es dort gab. Nach dem Krieg lebte Oma Elka nicht mehr lange, nachdem sie erfahren hatte, dass ihre zwei Töchter, darunter auch meine Mutter, und ein Sohn ums Leben gekommen waren. Von ihren vier Kindern hatte nur eine Tochter überlebt, das war Sonja, mit der sie zusammen evakuiert worden war. Unsere Nachbarn hatten uns erzählt, dass meine Mutter mit meiner jüngeren Schwester kurz nachdem der Krieg ausgebrochen war, ungefähr eine oder zwei Wochen später, nach Hause zurückgekehrt war. Als sie niemanden zu Hause angetroffen hat, war sie sehr niedergeschlagen, weil sie dachte, dass wir während des Bombenangriffs alle umgekommen wären. Als die Deutschen Bobrujsk besetzten, wurden meine Mutter und ihre jüngere Schwester ins Ghetto gesteckt, wo sie beide ums Leben kamen. Ich besuchte die zehnte Klasse der Abendschule und arbeitete gleichzeitig als Buchhalterin in einer Militärsiedlung in unserer Stadt. Die Rente meiner Oma reichte nicht aus, und ich musste etwas dazu verdienen. So habe ich meinen zukünftigen Mann, Jurij Appollonowitsch, kennengelernt. Er war beim Militär und hat als Offizier entsprechend Verpflegung bekommen. Ich erinnere mich, dass er zu jeder Verabredung etwas zu Essen mitbrachte, da ich ständig hungrig war.

Im Jahre 1950 haben wir geheiratet. Zwei Jahre später bekam ich eine Tochter. Im gleichen Jahr sind wir nach Murmansk umgezogen, wo wir sechsundvierzig Jahre, bis 1998, lebten. In Murmansk arbeitete ich zuerst als Buchhalterin im Genossenschaftssystem der Kola-Halbinsel. 1959 beendete ich das Fernstudium an einer Kooperationsfachschule in Moskau und 1965 absolvierte ich mein Fernstudium an der ökonomischen Fakultät einer Handelshochschule in Leningrad. So stieg ich von einer einfachen Buchhalterin bis zur Abteilungsleiterin der Konsumhandelsgenossenschaft in Murmansk auf. Unter Leitung unserer Konsumhandelsgenossenschaft wurde die Halbinsel Kola mit Lebensmitteln und Bedarfsartikeln versorgt. Zwar war es in Murmansk möglich, mit fünfzig in Rente zu gehen, aber ich habe bis zum einundsechzigsten Lebensjahr gearbeitet. Ich musste meine Tochter und ihre zwei Kinder, die zu dieser Zeit in Leningrad lebten, finanziell unterstützen. Im Vergleich zu den anderen Städten Russlands wurden wir in Murmansk viel besser bezahlt, denn es gab sogenannte Nordzuschläge. Antisemitische Ausschreitungen habe ich tatsächlich nicht erlebt. Zwar kursierten in den ersten Jahren der Nachkriegszeit in Weißrussland Sprüche wie: „Es ist schade, dass die Deutschen nicht alle Juden vernichtet haben!", aber in Murmansk war kein Antisemitismus zu spüren. Wenn es ihn doch gegeben haben sollte, so war ich zumindest nicht persönlich davon betroffen.

Ich möchte gerne noch ein paar Worte über meinen Mann sagen: Jurij Apollonowitsch Blagoweschenskij wurde 1927 in Ivanovo geboren. Im Jahre 1937 wurde sein Vater erschossen und seine Mutter in das Zwangsarbeitslager Karlag gesteckt. Jurij kam ins Kinderheim. Das Stigma „Sohn eines Volksfeindes" verfolgte ihn fast sein ganzes Leben. Noch vor dem Krieg floh Jurij aus dem Kinderheim, das in der Altai-Region lag, zu seiner Tante nach Ivanovo. Später absolvierte er eine Offiziersschule und diente als Offizier. 1957 wurde er in Murmansk demobilisiert und an einer Marineschule aufgenommen. Er arbeitete zunächst als Designer und dann als Ausbilder im Bereich der Entwicklung neuer Technik. Er wurde mit der Staatsprämie auf dem Gebiet Wissenschaft und Technik ausgezeichnet. Von Kindheit an interessierte er sich für Malerei und Grafik. Diesem Hobby widmete er seine ganze Freizeit. Er bildete sich in verschiedenen Ateliers in Ivanowo, Minsk und Murmansk weiter. Malerei und Grafik sind zu seinem zweiten Beruf geworden. Er wurde in die Gesellschaft Russischer Norden, einer Vereinigung freiberuflicher Maler, aufgenommen und nahm an vielen Ausstellungen in Murmansk und im Ausland teil. Allein in Finnland stellte er mehr als neun Mal aus. Seine Bilder sind über Japan, Neuseeland, Israel, Deutschland, Schweden und Norwegen verteilt. Auch in Leipzig wurden sie gezeigt.

2001 sind mein Mann und ich nach Deutschland ausgewandert. Seit 2003 leben wir in Leipzig.

 
 
 
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