Alltagsleben - Juden in Sachsen

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Jüdischer Alltag in Deutschland - die „besondere Normalität"

Mehr als 100 jüdische Gemeinden gibt es in Deutschland, Synagogen in nahezu allen größeren Städten, jüdische Schulen, Theater und Kulturzentren. Gut 70 Jahre nach dem Ende der Naziherrschaft scheint das jüdische Leben nach Deutschland zurückgekehrt zu sein. Das ist die eine Seite.

Die andere Seite sieht so aus: Jüdische Einrichtungen stehen in Deutschland unter ständigem Polizeischutz. Regelmäßig kommt es zu antisemitischen Übergriffen, Bedrohungen und Beschimpfungen. Viele Juden vermeiden es, ihre Religion in der Öffentlichkeit zu zeigen oder zum Thema zu machen. Zu groß ist die Sorge, damit jemanden provozieren zu können.

In Deutschland als Jude zu leben, ist noch immer nicht selbstverständlich. Es gibt, trotz aller Annäherung, Berührungsängste bei Juden wie Nichtjuden, das Potenzial für Missverständnisse ist hoch. Jüdische und nichtjüdische Deutsche seien sich fremd geblieben, lautete das Resümee des ehemaligen Zentralratsvorsitzenden Ignaz Bubis am Ende seiner Amtszeit 1999.

Die Gründe für dieses Fremdsein mögen vielfältig sein, doch dass die Jahre 1933 bis 1945 dabei eine wichtige Rolle spielen, liegt auf der Hand. Der Holocaust hat zwar nicht das Ende der deutsch-jüdischen Geschichte markiert, doch wird er für die Beziehung zwischen Juden und Nichtjuden wohl immer prägend bleiben. (Quelle: https://www.planet-schule.de/wissenspool/geschichte-juden/inhalt/hintergrund.html#5 / Mark Pollmeier)

 

Die folgenden Informationen sollen dazu dienen, das jüdische Leben zu verstehen.

• Download zum Thema: Jüdisches Leben in Deutschland
Reportage zum Thema Jüdische Jugendliche

 

„Zweiter Atem“


Liebe Leser der Internetportals „Juden in Sachsen“,

heute möchte ich Ihnen den Leiter des deutsch-jüdischen Orchesters „Zweiter Atem“ und vier seiner Mitglieder vorstellen. Ihnen allen eigen sind berührende Lebensbrüche. Die Musik verbindet sie miteinander und gibt ihnen Kraft für das neue Leben in Deutschland. Ich bedanke mich für das mir entgegengebrachte Vertrauen und wünsche Ihnen und Ihren Lieben Kraft und Glück.

Anneli Biskupek


Die Porträts:

 

Der Traum von Deutschland
Bericht über ein Gespräch mit Waldemar Schmidt

Waldemar Schmidt verbringt seine Kindheit im tiefen Sibirien. 1941, neun Jahre vor seiner Geburt, grub sein Vater im Wald ein Erdloch, in dem die Familie Schmidt ihren ersten Winter verbrachte, wie die Bären. Sein Vater ist Musiker, seine Mutter Erzieherin. Sie kann als solche jedoch nicht arbeiten, da sie ja Deutsch spricht. Familie Schmidt hatte vorher in der deutschen Republik an der Wolga gelebt, im Gebiet Saratow. Edwin, der erste Bruder von Waldemar, wird noch dort geboren. Alle sprechen Deutsch. Weshalb sie überhaupt hier leben, hat seinen Grund in der Geschichte seiner ausgewanderten Vorfahren.                
Katharina II. (1729-1796), eine ehemalige deutsche Prinzessin und Alleinherrscherin über das russische Reich, erließ 1763 ein Einladungsmanifest, das den ausländischen Siedlern eine Reihe von Privilegien in Aussicht stellte: Religionsfreiheit, Befreiung vom Militärdienst, Selbstverwaltung auf lokaler Ebene mit Deutsch als Sprache, finanzielle Starthilfe, 30 Jahre Steuerfreiheit. Rund 30 000 Deutsche wanderten in den nächsten drei Jahren aus. Pro Familie bekamen die Kolonisten 30ha Land zugesprochen (Wildnis, Gras, wenige Wälder). 104 neue Dörfer entstanden im Wolgagebiet. So kamen auch die Ahnen von Waldemar Schmidt hierher.
1941, nach dem Überfall Hitler-Deutschlands auf die Sowjetunion, begann Stalin mit der Umsiedlung der Russlanddeutschen, um eine weitreichende Kollaboration dieser mit Nazi-Deutschland zu verhindern. Waldemar Schmidt spricht von 20 deutschen Familien, die wie seine Angehörigen nach Ostsibirien verschleppt wurden. Im Sommer 1950 wird er dort geboren und wächst auf in der deutschen Kultur. Vater und Mutter erzählen immer wieder von Deutschland. Der Vater ist Musiker, die Mutter singt, und so gestalten sie Weihnachten, Hochzeiten aber auch Beerdigungen mit den entsprechenden Bibeltexten, Liedern und persönlichen Worten. Russisch lernt er nur in der Schule.                    
Mit 15 Jahren möchte er in Moskau Deutsche Sprache studieren, er kann sie bisher nur lesen und sprechen. Doch der Mutter ist die Entfernung zu groß, und so entscheidet er sich für ein Fernstudium, belegt einen Kurs als Dolmetscher für deutsche Sprache. In Krasnojarsk, der drittgrößten Stadt Sibiriens nach Nowosibirsk und Omsk, besucht er Hochschule und Fachhochschule und beendet diese mit einem Diplom für das Lehramt in Sport und Kunstgeschichte. Krasnojarsk ist die Hauptstadt der Region gleichen Namens, liegt am Jenissei und der Transsibirischen Eisenbahn und ist ca. 4100km östlich von Moskau gelegen. 1970 lebten hier rund 650 000 Einwohner. Die deutsche Schlagersängerin Helene Fischer wurde 1984 hier geboren. Dem Studium von Waldemar Schmidt folgt ab 1971 der Wehrdienst auf der Insel Dikson. Dikson war einst Ausgangspunkt vieler Polarexpeditionen und besitzt einen Seehafen, der in den 30er Jahren entstand, um die Nordostpassage schiffbar zu machen. 1973 arbeitet Waldemar Schmidt als Lehrer in Norilsk, der nördlichsten und kältesten Großstadt der Erde (rund 175 000 Einwohner).Von 1975-1979 ist er Schulinspektor in Leningrad (etwa 5000km von Krasnojarsk entfernt /von Leningrad nach Leipzig etwa 2000km). Er fühlte sich allein, geht mit 29 Jahren zurück in die Heimat und beginnt seine erste Kulturarbeit. Er ist Chef in einem Kulturpalast. In Krasnojarsk studiert er weiter Kultur und Bildung  und erhält sein zweites Diplom.
Waldemar Schmidt gründet nun auch eine eigene Familie. 1988 wird seine Tochter Kristina geboren. Ab 1992 (42jährig) ist er Direktor einer Mittelschule, an der auch seine Frau Marina als Musiklehrerin arbeitet und ihre Tochter startet hier 1994 ihre Schulzeit. Die Familie erhält, seinem Amt entsprechend, ein Haus. In Krasnojarsk gründet er die Musikgruppe „Hilda“ Nach dem Namen einer seiner Schwestern. Er spielt Gitarre und singt, Marina und Kristina spielen Geige und einige Bekannte Akkordeon. Sie singen deutsche Lieder und als der dortige Parteichef nach dem Titel der Aufführung fragt, erwidert ihm Waldemar Schmidt: „Ein Fest in Baden Baden.“ Das könne er nicht machen, so die Reaktion. Doch Waldemar Schmidt bleibt dabei. Er ist zu dieser Zeit auch Chef des Kulturpalastes, und die Zeiten haben sich mit Gorbatschow verändert. So gibt seine Gruppe im Wolgagebiet Konzerte und ist in Krasnojarsk eine echte Überraschung. Hier existiert ein Verein für Deutsche aus Russland. „Wiedergeburt“ nennt er sich und besitzt eine eigene Fahne (Foto der Vereinsfahne). Dieser Verein hat das Ziel, in die deutsche Wolgarepublik zurückzukehren, aus der sie 1941, auf den Ukas von Stalin hin, nach Sibirien verschleppt worden waren. Juden, Tschetschenen u.a. hatten alle ihre Republiken zurückerhalten. Nur die Deutschen nicht. Sie waren verschleppt auf ewig. 1991 verneinte Jelzin ebenfalls ihr Anliegen. Drei große Versammlungen fanden in Moskau statt und Waldemar Schmidt war einer der Delegierten. Am Ende wies ihnen Jelzin „Kapustin Jar-1“ zu, das seit 1993 Snamensk heißt. Das ist eine Stadt im Norden der russischen Oblast Astrachan. Sie liegt etwa 320km nordwestlich der Gebietshauptstadt Astrachan und 90km östlich von Wolgograd am linken Ufer der Achtuba. Während sich im Süden und Westen die sumpfigen Wolga- bzw. Achtubawiesen erstrecken, befindet sich in nordöstlicher Richtung die fast unbewohnte Halbwüste sowie die kasachische Grenze. Doch das ist ein Rüstungsendlager, in dem nichts wächst. Es war Testgelände für ballistische Raketen, Raketenabschussplatz, Weltraumbahnhof. Welch zukünftige Heimat für Russlanddeutsche!? Waldemar Schmidt spricht rückblickend von der schlimmsten Zeit in Krasnojarsk (1990-2000).

Wieso? Hier noch einige Hintergründe:
Gorbatschow (1985-91 Erster Generalsekretär der KPdSU, 1990-91 Staatspräsident) forderte den grundlegenden Umbau von Staat und Gesellschaft. Er ermöglichte einen Wandel der Sowjetunion durch Demokratisierung und Offenheit nach innen und außen. Seine Politik begründete auch die deutsche Wiedervereinigung von 1990. Doch die wirtschaftlichen Probleme der Sowjetunion waren mit den eingeschlagenen Reformen nicht zu lösen. Die Produktion sank, Versorgungsengpässe nahmen zu, Inflation und Arbeitslosigkeit stiegen. Gleichzeitig lebten nationale Unabhängigkeitsbewegungen auf. Gorbatschow wollte das Auseinanderbrechen der Sowjetunion verhindern. Ein Putschversuch der Reformgegner im Sommer 1991 schlug zwar fehl, doch der Zerfall des Landes war nicht aufzuhalten. Mit Gorbatschows Rücktritt am 31. 12. 1991 endete die 69jährige Geschichte der Sowjetunion. Danach gründete Russland mit zehn anderen ehemaligen Sowjetrepubliken die „Gemeinschaft Unabhängiger Staaten“ (GUS). 1991 wurde Jelzin zum ersten Präsidenten der Russischen Föderation, wie Russland sich jetzt nannte, gewählt. Er brachte seinem Land zunehmende Verarmung und steigende Kriminalität. Jelzin machte alles kaputt, so die Worte von Waldemar Schmidt. Die große Ost-West-Wanderung der russischen Bevölkerung, die unmittelbar nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion einsetzte, hat Sibirien zu einem Umschlagplatz für Migranten (lat. migrare = wandern, wegziehen) gemacht. Zuwanderer aus dem Fernen Osten versuchten oftmals in Städten wie Nowosibirsk, Tomsk, Irkutsk oder Krasnojarsk Fuß zu fassen, während die dort ansässige Bevölkerung weiter gen Westen strebt. Sie ziehen in die europäischen Zentren des Landes. Die Russlanddeutschen allerdings folgen der Möglichkeit, teils nach Jahrhunderten, in ihre Ausgangsheimat Deutschland zurückzukehren. Viele Familien, die schon nach Deutschland gegangen waren, erzählten von ihrem Leben, ihrer Wohnung und von der Sozialhilfe.

Die Tochter von Waldemar Schmidt ist damals sechs Jahre alt, und er erinnert sich, dass sein 1989 in Sibirien verstorbener Vater immer nach Deutschland wollte. So will er es nun für seine Tochter und deren Ausbildung tun. Er selbst hatte versucht, Tolstois Werk  „Peter I.“ in deutscher Übersetzung zu lesen, was Jahre dauerte. Außerdem war sein Interesse an der deutschen Sprache, die Neugier auf Deutschland gestiegen. So stellt Waldemar Schmidt 1995 den Ausreiseantrag. Zwei Jahre wartet er auf die Entscheidung und 1997 darf er mit seiner Mutter nach Deutschland. Zuerst in das Lager Bramsche in Niedersachsen. Er glaubt, auch wie die Mutter nach Wilhelmshaven gehen zu können, da dort seine älteste Schwester Irmgard seit 1995 zufrieden lebt und in einem Pflegeheim als Schwester arbeitet. Für Mutter erfüllt sich der Wunsch; er soll nach Osten und kommt in ein Lager nach Bärenstein. Im Inneren hofft er auf die Kunststadt Dresden, da er in Krasnojarsk ein Angebot als Direktor einer Musikalischen Komödie bekommen hatte, das er durch den Umzug nach Deutschland nicht realisieren konnte, möchte er nun da anknüpfen. Ihm wird dazu ein Studium an der Hochschule angeboten, doch er mag fast 48jährig nicht mehr. Mit seinen drei anderen Zimmergenossen gelangt er letztendlich in ein Wohnheim nach Leipzig, in die Bornaische Straße. 1998 kommt seine Familie nach. Sie wohnen zuerst in der Marcus-Kapelle, wo seine Frau Orgel spielt, nachdem sie ein Jahr die Kirchenorgel in der Taborkirche erlernte. Jetzt leben sie in Volkmarsdorf.  Seine beiden Diplome werden in Deutschland bestätigt, und so ist Waldemar Schmidt seit 1999 Sozialarbeiter für Kultur und Bildung. Zuerst arbeitet er im Jugendgemeinschaftswerk der Diakonie als Sozialpädagoge. Später für zweieinhalb Jahre in der Villa Lessingstraße. 2005 arbeitet er im gleichen Beruf in Baden Baden zur Probe. Der Ort ist für seinen Bruder Konstantin Heimat geworden. Waldemar Schmidt möchte sich in der Schweiz bewerben, doch geht erneut nach Sibirien. Begründet liegt diese geografische Wendung im Erfurt-Projekt „Pfad ins Leben“. Sie suchen einen russischsprachigen Sozialpädagogen, der entwurzelte Jugendliche wieder erdet. Diese Jugendlichen sind Menschen, die alles „Scheiße“ finden und im Knast enden könnten. Konkret betreut Waldemar Schmidt für zwei Jahre einen 14jährigen in Deutschland geborenen Italiener im angemieteten Holzhaus in einem sibirischen Dorf. Nur Russen leben dort. Das Ganze (Vorschlag: Schule, Ausbildung ) wird unterschrieben und ist somit vertraglich bindend. „Es war schwer für mich“, so Waldemar Schmidt. Er unterrichtet ihn ab der neunten Klasse, kocht für ihn, lebt mit ihm allein. Der Jugendliche besitzt Notebook, Handy und Taschengeld. Er ist der King unter den armen Kindern, die dort ihre Heimat haben. Im Winter tauen sie den reichlich vorhandenen Schnee, um an Wasser zu kommen. Manchmal streiten sie, der Jugendliche weint, will zurück, doch er hat ja unterschrieben. Der Jugendliche schließt die Schule ab, macht eine Ausbildung zum Friseur. „Er blieb in Leipzig noch eine Weile bei mir, jetzt ist er selbstständig“, berechtigt stolz, doch still nachdenklich klingen die Worte von Waldemar Schmidt. Noch weitere zwei Jahre lebt er mit drei Jugendlichen jeweils allein in Jena, Gera und Berlin. Offensichtlich war das nicht weit genug entfernt. Sie waren durch nichts zu motivieren, stets dreckig und einer landete letztendlich im Knast.
Waldemar Schmidt braucht nach diesen nervenaufreibenden Berufungen einen Ausgleich. Er gründet das Orchester „Zweiter Atem“ im Sinne von „Wiedergeburt der alten Lieder“. So versteht er es. Wöchentlich mehrmals probt er mit seinen Leuten, die mit Banjo, Elektrogitarre, Gitarre, Geige, Schlagzeug und Keyboard vertreten sind. Er selbst spielt Gitarre und der Sänger bzw. das Orchester singt vor allem russisch, manchmal deutsch. Sie treten auf im Cafe des Deutsch Russischen Zentrums / Haus der Demokratie, im Ariowitschhaus und an gewünschten Orten und verbreiten mit ihren Liedern Stimmung, gute Laune, manchmal auch Wehmut.
Noch einmal fuhr er mit seiner Familie nach Krasnojarsk. Das Geburtshaus steht noch; es ist besser geworden. Seine Schwester Tamara, die mit ihrer Familie blieb, da ihr Ehemann Russe ist, hat es renoviert und nutzt es an den Wochenenden. Der neu erbaute Flughafen Emelianowo befindet sich in der Nähe. Die Mutter von Irmgard, Edwin, Konstantin, Tamara, Hilda und Waldemar starb 2003 in Deutschland und liegt in Wilhelmshaven begraben, am Wohnort von Hilda und Irmgard. Natürlich war sie noch zu Lebzeiten Groß- und Urgroßmutter.
Die Ausbildung seiner Tochter Kristina war ein wichtiger Grund für Waldemar Schmidt, nach Deutschland zu kommen. Bereits in Krasnojarsk lernte sie sehr gut und konnte die vierte Klasse überspringen. Mit zehn Jahren kam sie nach Leipzig und wird, auf Anraten des Jugendamtes, für die siebente Klasse eines Gymnasiums eingestuft. Es geht gut. 28 Jahre alt ist die junge Frau. Nach einem Studium an der Universität Leipzig, schreibt sie nun ihre Diplomarbeit zu den Sprachen Spanisch, Englisch, Russisch und Deutsch. Sie wird Dolmetscherin und beherrscht auch die Sprache der Franzosen, doch Spanisch wird in 29 Ländern der Erde gesprochen, so der Vater. Dessen deutscher Vater August Schmidt sehnte sich nach Deutschland, Waldemar Schmidt erfüllte diesen Wunsch und legt die Basis für kommende Generationen.

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Waldemar Schmidt
 

Ein neues Leben in Leipzig
Bericht über ein Gespräch mit Chone Kac


Chone Kac wird am 23. Juni 1960 geboren, in Vilnius (Litauen), in der Altstadt, im jüdischen Viertel. In diesem Viertel leben 80% Juden und 20% Polen und andere (Litauer, Russen, Weißrussen).
1967 beginnt er die Schulzeit an der litauischen Schule, in einer russischen Klasse, wo er ein sehr gutes Russisch erlernt. Die jüdischen Kinder sprechen Jiddisch,  Russisch und Polnisch.
Er singt dort im Chor und dieser hat während der Grundschulzeit (3. oder 4. Kl.) einen Auftritt mit Monika Hauff und Klaus-Dieter Henkler. Druschba / Freundschaft – DDR und UdSSR, so ist der Inhalt. Er erinnert sich gern daran. Ab Klasse 5 gründet Chone Kac eine Schulrockband, spielt darin Schlagzeug und nebenher Gitarre.
Eltern und Großeltern waren ab 1941 nach Sibirien evakuiert. Am 25.6.1941 kamen die Deutschen. 120.000 Juden lebten in Litauen. Am 1.7.1941 waren alle Juden weg oder erschossen. So erging es auch der Urgroßmutter von Chone Kac, die zurücklief und im Wald erschossen wurde.
Die Mutter von Herrn Kac, Sheindl Bat Meir, wurde 1940 geboren, eigentlich in Österreich/Ungarn (Rumänien). Die UdSSR okkupierte Czernowitz 1940, dann kamen die Deutschen und  die Mutter geriet im Alter von einem Jahr (1941) mit ihren Eltern  ins jüdische Ghetto, in der Ostukraine (Winnitza).
Der Vater von Herrn Kac, Aaron Ben Berl Kac, stammt aus Litauen. Dessen Familie war 1941-1945 in Sibirien.
Danach kehrten sie in ihre Heimat Litauen zurück. Von einst 120.000 jüdischen Litauern waren 7.000 übrig.
Den deportierten nichtjüdischen Litauern erlaubte zu einem späteren Zeitpunkt Parteichef Chrustschow die Rückkehr. Litauische Kinder kamen in russische Klassen und wurden zu russischen Menschen.
Dort, in Vilnius,  wird 1960 Chone Kac geboren und verlebt eine gute Kindheit. Höchstens betrunkene Russen oder Polen pöbeln gegen die Juden. Polen, Russen, Litauer und Juden leben miteinander. Gesprochen wird Jiddisch (das ist ein abgeleiteter Dialekt von der alten deutschen Sprache) im polnisch-litauischen Dialekt. Chone Kac verständigt sich auch im rumänisch-bessarabischen Dialekt, gelernt von seiner Mutter. Er liest als Kind gern immer wieder die Geschichten von Scholem Alejchem (8 Bände). Sie schildern auf heiter komische Art das Dasein der Ostjuden um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert.
Nach der Mittelschule studiert Chone Kac an der Fachhochschule für Elektromechanik und Elektrotechnik.
Als er 18 Jahre alt ist, stirbt seine Mutter 38jährig an Krebs. Zwei Brüder seiner Mutter leben in Czernowitz in der Ukraine. Dort dient er für zwei Jahre in der Sowjetischen Armee als Chemiker und spielt im Orchester. 1981 wandern diese Onkels, die mittlerweile verstorben sind, nach Kanada aus. Beim Abschied von ihnen lernt Chone seine spätere Frau Jelena kennen. Sie heiraten 1982 in Czernowitz. Jelena spricht sechs Sprachen (Ukrainisch / nach der Mutter, Rumänisch / nach dem Vater, Russisch, Litauisch, Polnisch und mittlerweile Deutsch).
Beide gehen nach Vilnius, wo 1983 ihre Tochter Jewgenia geboren wird. Chone arbeitet in seinem Beruf als Meister für Elektrotechnik und spielt in einer Rockband. Seine Frau ist Diplomökonom und arbeitet als Chefökonom. Als die Sowjetunion zusammenbricht, gehen die russischen Betriebe in Litauen kaputt. Er arbeitet daraufhin ab 1999 in Oslo und lebt auch in Norwegen. Nur am Wochenende kehrt er zur Frau, die ihre Arbeit verloren hat, und seiner schulpflichtigen Tochter zurück. Litauen ist ein Land mit 3,5 Millionen Einwohnern. Eine Million davon arbeiten im Ausland (England, Skandinavien, Deutschland).
Das führt letztendlich zu dem Entschluss, nach Deutschland zu gehen.
Zu dem Zeitpunkt ist ihre Tochter Jewgenia 18 Jahre alt und es fällt ihr schwer, ihre Freundinnen und die Musikschule zu verlassen. Frau Jelena Kac hat Bedenken. Wird ihr erlernter Beruf in der neuen Heimat anerkannt werden? Sie spricht Russisch, Ukrainisch, Rumänisch, Litauisch und Polnisch wie die Tochter, doch noch kein Deutsch. Chone Kac spricht Jiddisch und somit sind für ihn Verständigung und  Weggang leicht.
2001 kommt die Familie Kac nach Deutschland. Zuerst werden sie in Meerane, später in Flöha nahe Chemnitz untergebracht. Mit ihnen wohnen sowjetische Juden und deutsche Spätaussiedler aus Russland, Kasachstan und Sibirien in Baracken. Nach einem Jahr erhält Familie Kac eine Wohnung in der Turnerstraße in Leipzig.  Chone Kac fühlt sich wie in der Altstadt von Vilnius, wie in seinem jüdischen Viertel, Leipzig ist für ihn Heimat. Er absolviert eine Ausbildung zum Fremdsprachen-Korrespondenten an der Leipziger Lövania Academy im Kurs von Dr. Peter Fellenberg. Nach einem Jahr endet dies mit einer Diplomprüfung an der IHK. Er arbeitet nun als Sozialassistent und Musiker. Konzerte für 20-80jährige geben seine Band und er im Ariowitsch-Haus, im Café des Hauses der Demokratie und in Grünau im russischen Klub „GZELKA“. Seine Frau Jelena arbeitete acht Jahre im Deutsch-Russischen Zentrum als Sozialarbeiterin; jetzt ist sie zu Hause. Vielleicht liegt es begründet darin, dass Chone 2005 an Krebs erkrankte, fast verstarb und viele Operationen, Chemotherapien und Bestrahlungen hinter sich hat und einer speziellen Diät bedarf.
Einen Wunsch hat er: Nach Deutschland kamen sehr gut ausgebildete Leute. Sie hatten studiert, doch machen keine qualifizierte Arbeit. Die Frauen mit Diplomen als Ökonom, Jurist oder Lehrer putzen Toiletten. Die akademisch ausgebildeten Männer arbeiten auf Baustellen. Wünschenswert wäre ein anderer Weg.
Mit seiner Wohnung in Reudnitz ist Chone Kac zufrieden und er und seine Frau sind stolz auf ihre Tochter Jewgenia, die jetzt den Familiennamen Rosner trägt. Deren Mann stammt aus Israel, studierte in Jena Betriebswirtschaft und arbeitet in Franfurt am Main. In Bensheim wurde 2014 die Enkelin Daniela geboren. Die Tochter legte zwei Magister ab: Politikwissenschaften und Anglistik. Dazu gehörten Auslandssemester in den USA, an der Binghamton-Universität in New York. Sie arbeitet jetzt in einer amerikanischen Firma in Frankfurt am Main.
Viermal im Jahr sehen sie sich und freuen sich aufeinander. Zweimal fahren sie zur Familie der Tochter, bald nach Frankfurt am Main, deren künftiger Heimat; zweimal kommen die jungen Leute zu ihnen nach Leipzig.
Die jüdischen Feiertage, besonders den allwöchentlichen Sabbat, feiert Chone Kac zu Hause. Die Kerzen werden angezündet, er bedeckt sein Haupt mit der Kippa, spricht das Gebet und liest einen Abschnitt aus der Thora. Dann gibt es Hallabrot (Weißbrot), koscheres Essen (kein Schweinefleisch) und etwas roten Wein.

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Chone Kac
 

Zweiter Atemzug
Bericht über ein Gespräch mit Alex Mokk


Alex Mokk wird am 28. 3. 1963 ganz im Südosten von Kasachstan, im Dorf Wosnesenka geboren. Das Gebiet wird begrenzt von Russland, China, der nahe Mongolei sowie vom Altaigebirge, dem See Saisan und dem Fluss Irtysch. In dieser Region wurden die frühen sowjetischen Atomwaffen unterirdisch getestet. Viele Leute wurden geschädigt und bekamen dafür entsprechende Bescheinigungen und etwas Geld. Als Herr Mokk soweit war, fehlten schlicht die Papiere. Er bekam nichts.
Sein Vater, ein Deutscher, arbeitet dort als Traktorist. Im Sommer steuert er Mähdrescher. Seine Mutter, eine Russin, arbeitet als Feldscher sowohl als Arzt als auch als Krankenschwester, doch ohne Geräte. Schwere Krankheiten überweist sie an den Bezirksarzt, der auch die Verbindung zum Krankenhaus herstellt.
Kasachstan ist größer als Deutschland, Frankreich und Italien zusammen. Es steht flächenmäßig auf Platz neun aller Länder der Erde, hat jedoch relativ wenig Einwohner. Die Steppe durchzieht das flache Land; nur wenig Gebirge gibt es im Süden und Osten.
Im Sommer steigen die Temperaturen bis 40°C. Dennoch bleiben die Höhen des Altaigebirges weiß. Barfußgehen ist unmöglich, Eier werden auf dem Boden gar und niemand käme auf die Idee, sich zu sonnen. Der Himmel ist in Deutschland hellblau oder weiß; in Kasachstan dunkelblau. Manchmal sieht man am Tage die Sterne. Es ist so klar, dass die Sonnenstrahlen brennen. Zuweilen stehen Wolken am Himmel, doch die Luft ist so heiß, dass der Regen die Erde nicht erreicht. Man spürt den Wind, den Sturm, der den Staub aufwirbelt, sonst nichts.
Im Herbst wird es früh kalt. Von November bis Mitte Mai liegt Schnee und die Temperaturen sinken bis  -44°C, so dass Stahlbrücken kaputt gehen. „Der Schnee liegt zwei Meter hoch. Wir haben jeden Tag geschippt.“
Ende Mai wird es warm und der Bauer kann mit seiner Arbeit beginnen. Rückblickend sieht Mokk seine Kindheit als glücklich an. Es begeisterten ihn Radfahren, Wandern und Angeln sowie die schnellen Bergflüsse und die vielen Tiere – wie Bären, Füchse, Bergböcke oder Hasen. So erlebt er vor dem Fenster eine Herde von Tausenden vorbeilaufenden Yaks, die aus der Mongolei getrieben wurden. Es fühlte sich an wie ein Erdbeben.
Durch das kleine Dorf Wosnesenka führen zwei Straßen. Etwa 500 Menschen (vor allem Deutsche, Russen, Ukrainer u. a.) lebten hier. Die meisten waren Bauern. Es gab nur wenige Kasachen. Später zogen Kasachen ins Dorf, die mit Kinderreichtum gesegnet waren (etwa zehn Kinder pro Haus). Dadurch veränderte sich die Zusammensetzung der Bevölkerung (zwei bis drei Familien im Dorf sind nun keine Kasachen). Obwohl immer Frieden war, verschwanden mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion Laden, Post, Polizei, Kindergarten. Alles ging kaputt. Der Präsident der neuen Republik rief alle Kasachen zurück in ihre Heimat. Die Revolution von 1917 hatte arme Menschen froh gemacht, doch die Reichen waren geflohen. Durch den Rückruf des Präsidenten kehrten Kasachen, die in China gelebt hatten, zurück.  Auch in das Dorf von Alex Mokk. Alles war derartig verändert und es fehlten die Arbeitsstellen. So verließen manche „alten Kasachen“ ihre Heimat.
Der ältere Bruder von Alex Mokk ging nach Russland.
Noch vor dem Weggang legte Alex Mokk die Mittelschule mit dem Abitur ab und studierte an der Fachschule von Semipaladinsk und Odessa Fernmeldewesen. Er versteht sich auf Reparaturen von Fernsehern, Tonbändern, Radios, also auf Elektronik. Seine Armeezeit dient er im Norden von Russland ab.
Wohl eher nach dem Vater gehend, empfindet sich Alex Mokk als Deutscher. Er glaubt, seine Sprache und Kultur zu verlieren.
2003 beschließt die Familie, außer dem älteren Bruder, der sich nach der Mutter als Russe fühlt, nach Deutschland zu gehen. Sie kommen zuerst für vier bis fünf Tage in den Süden von Niedersachsen, nach Friedland, in Baracken. Alex Mokk rechnete sich für Stuttgart Chancen aus, da es dort nur wenig Arbeitslose gibt. Doch der Sachbearbeiter in Friedland schickt sie nach Leipzig. In Gröditz bei Riesa lebt eine Tante, die sogar im dortigen Wohnheim einen Platz für ihren Neffen reserviert hat. Doch Arbeit gibt es nicht. Es bleibt bei Besuchen. So werden sie 2003 von Verwandten in Friedland abgeholt und mit dem Auto nach Leipzig gefahren.
Alex Mokk verdient sein Brot mit dem Zusammenbau von Rahmen. Das ist eine Arbeit, die viel Kraft in den Händen verlangt. Es geht jahrelang gut, doch schleichen sich verstärkt Schmerzen in seinen rechten Ellbogen ein, die trotz Behandlung nicht nachlassen. So muss er operiert werden, doch danach, 2015, kann er mit den Fingern der rechten Hand nicht mehr so kraftvoll zugreifen und wird entlassen.     
Alex und seine Frau werden 2005 Eltern von Sohn Andreas, der mittlerweile in die fünfte Klasse geht und bei der Mutter lebt, die einen anderen Mann kennenlernte. Doch Andreas kommt fast täglich nach der Schule zu seinem Vater. Sie essen gemeinsam, erledigen die Hausaufgaben und machen Musik. An der Schule von Andreas gibt es Instrumentalunterricht bis zur vierten Klasse. Er spielt Klavier.  
Diese fast tägliche Sorge und Freude gibt Alex Mokk die Kraft, an einem Wunsch fest zu halten. Er möchte ein Unternehmen gründen, weiß aber noch nicht, ob das geht und klappt.
„Du stehst auf kasachischer Erde, gehe weg auf deine Erde!“, so sprachen die Kasachen zu ihm, weil sie wussten, dass er vom Vater her Deutscher war, deutsch fühlte. In Deutschland sagt das niemand mehr zu ihm. Er ist angekommen.
Alex Mokk spielt Gitarre im deutsch-jüdischen Orchester. Bezeichnenderweise trägt es den Namen „Zweiter Atemzug“, was sich als zweite Chance deuten lässt.

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Alex Mokk
 

Geige und Glaube
Bericht über ein Gespräch mit Rudolf Oslonow


Rudolf Oslonow wird am 8.9.1935 in der Stadt Krementschug geboren. Diese liegt in der Ukraine, am Dnjepr, im Poltawagebiet. Die Stadt ist bekannt durch ihren Waggonbau.
Der Familienname ist russifiziert. Eigentlich lautet er Oslon.
Großeltern und Eltern sprechen Jiddisch, doch als sowjetische Menschen führen sie kein jüdisches Leben.
Der Vater Israel Ben Mark arbeitet als Ingenieur, die Mutter Luba Batruwin ist Telegrafistin. Während des Zweiten Weltkrieges (1941-44) wird die Familie nach Usbekistan evakuiert. Der Vater kämpft in der Roten Armee. 1942 gerät er  bei Smolensk in deutsche Kriegsgefangenschaft und verliert sein Leben. Als die Familie davon erfährt, ist Rudolf acht Jahre alt. Ab seinem siebenten Lebensjahr arbeitet er als Bauer und transportiert außerdem mit Pferden die Post. Alle haben gearbeitet.
1944 kehrt die Familie zurück; in die Stadt Saporoschje, südöstlich von der Großstadt Dnjepropetrowsk gelegen. Die jüdischen Schulen sind geschlossen und so lernt Rudolf an einer russischen Schule Ukrainisch und Russisch.
Rudolf Oslonow arbeitet in Saporoschje als Ingenieur für Mechanik und besucht eine Fachhochschule für Maschinenbau. Es folgt in Brjansk, weit südöstlich von Moskau, die zweite Fachhochschule für Transportmaschinenbau (LKW, Bagger, Züge). 1964 schließt er diese mit dem Diplom ab und arbeitet ab 1966 als Konstrukteur. Der LKW „ZIL-131“ ist sein Werk.
Alla Perewersowa, so heißt die Frau von Rudolf Oslonow. Sie wurde 1938 geboren, ist Ärztin und die Mutter seines Sohnes Leonid.
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion waren für den Sohn die Arbeitschancen schlecht und so ging er mit seiner jungen Frau 2001 nach Deutschland, wo 2004 deren Tochter Anna das Licht der Welt erblickt.
Rudolf Oslonow hatte vor, mit seiner Frau den Kindern zu folgen. 2002 reichten sie die  Dokumente im Konsulat der BRD in Kiew ein und warteten sieben Jahre. 2009 holte Sohn Leonid seinen Vater aus der Ukraine nach Leipzig. Sie besuchen gemeinsam das Gewandhaus und da der Vater die Klassik liebt, sechs Jahre die Musikschule besuchte und noch immer Hobby–Geiger ist, fängt er gleich Feuer.
Nach drei Monaten fährt er zurück in die Ukraine, um seine Frau zu holen. Doch Alla Perewersowa ist Russin und bleibt. So wandert er allein aus. Er kann auch gleich nach Leipzig, da seine Kinder hier wohnen. Zuerst lebt er neun Monate in einem Haus für Emigranten in der Bornaischen Straße. Danach kann er in die Meissner Straße ziehen.
Jetzt besucht Rudolf Oslonow die Synagoge regelmäßig. Er möchte das jüdische Leben lernen. Viel Freude macht ihm seine 12jährige Enkelin Anna, die neben der Schule Gitarre und Gesang studiert. Er selbst spielt Geige im deutsch–jüdischen Orchester „Zweiter Atemzug“ und singt im Chor in der Synagoge.
Oft denkt er an seine Frau, die mittlerweile auch seine Nähe braucht. Auf einen diesbezüglichen Brief, erhielt er vom Konsulat der BRD in Kiew eine Absage.

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Rudolf Ostonow
 

Musik erhält meine Seele
Bericht über ein Gespräch mit Nicolae Hiltov


Nicolae Hiltov wird am 15.10.1939 in Russland, in Murmansk geboren. Zu der Zeit herrscht Krieg („Winterkrieg“) zwischen Russland und Finnland. Die Front  verläuft nur 50 km entfernt. Finnland unterliegt. Im Frieden von Moskau (1940) musste es die Karelische Landenge, Teile Ostfinnlands und die Küsten des Ladogasees und abgeben. 1941 – 44 kämpfte Finnland auf deutscher Seite gegen die Sowjetunion. Im September 1944 schloss Finnland einen Waffenstillstand. Finnland bleibt selbständig. Im Frieden von Paris (1947) erkennt Finnland die Grenze von 1940 an.
Der Vater von Nicolae Hiltov ist Lehrer an der Pädagogischen Hochschule, seine Mutter unterrichtet Russisch und Literatur an der Mittelschule. Bereits 1937 wurde der erste Mann seiner Mutter im Zusammenhang mit den Stalinistischen Säuberungen erschossen. So hat Nicolae noch zwei viel ältere Halbbrüder. Beide sind bereits verstorben. In seiner Kindheit liest Nicolae gern und viel (Gebr. Grimm, Dreiser, London, Seghers, Noll …). Er mag besonders die deutsche Literatur und Kultur, da die Deutschen in der russischen Geschichte eine große Rolle spielten.
Nach der zehnten Klasse studiert Nicolae Medizin in Leningrad – jetzt Petersburg. Dabei lernt er seine spätere Frau Raschel kennen, die aus Moldawien kommt. Sie ist Jüdin, deren Mutter in Frankreich an der Sorbonne studierte. 1964 heiraten sie. Beide arbeiten als Kinderärzte im Krankenhaus Benderi in Moldawien, seine Frau wird sogar Leiterin der Kinderabteilung im Krankenhaus. Sie widmen sich so sehr ihrer Aufgabe, dass sie auf eigene Kinder verzichten.
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion kommt es in den ehemaligen Sowjetrepubliken zu Veränderungen / Selbständigkeitsbestrebungen. Die ehemalige Moldauische SSR grenzt an Rumänien. 1941-44 war sie rumänisch. Die Republik Transnistrien, wurde nach einem Krieg mit Moldawien 1992 gegründet. Dort leben Ukrainer und Russen. Sie wollen Russisch sprechen und wenden sich gegen die Moldawier, die Rumänisch sprechen. Juden werden wieder angefeindet.
Im Krieg gibt es keinen Gewinner. 468 wurden sofort (oder in wenigen Tagen) umgebracht. In der Summe starben etwa eineinhalbtausend Menschen. Bis jetzt gibt es eine von Russland militärisch bewachte Grenze. 1992 ist Nicolae Hiltov 53 Jahre alt. Während des Krieges arbeiten die Schulen und Krankenhäuser weiter. Allerdings verschlechtern sich die Lebensumstände. Es gibt eine Lebensmittelblockade. Die Arbeit der Ärzte wird nötiger als in Friedenszeiten, doch fehlt es zunehmend an medizinischen Mitteln. Die Löhne sinken. Es gibt kein normales Leben mehr.
Mit 60 Jahren, 1999, entschließen sich Nicolae Hiltov und seine Frau Raschel, die bereits in der Schule Deutsch gelernt hat, nach Deutschland zu gehen. Zuerst kommen sie nach Meerane, später nach Oschatz, wo er einen Integrationskurs besucht. Seit dem 1. Juli 2000 leben sie in Leipzig/Gohlis. Als Kinderärzte können sie nicht mehr arbeiten. Das hängt sicher mit der fehlenden Anerkennung der Abschlüsse zusammen.
Raschel Hiltov engagiert sich sozial in der jüdischen Gemeinde. Sie leitet den Frauenklub und hilft mit ihren Sprachkenntnissen Mitmenschen beim Arzt-, Klinik- und Krankenkassenbesuch. Kindern gibt sie an bestimmten Nachmittagen Hilfe in Mathematik. Kein Wunder, dass sie im Sächsischen Landtag für ihre ehrenamtliche Arbeit mit der Annen-Medaille geehrt wurde.
Nicolae Hiltov  singt im Chor der jüdischen Gemeinde im Ariowitschhaus und im Chor vom Deutsch Russischen Zentrum. Außerdem ist er noch Sänger des Orchesters „Zweiter Atem“. Er beginnt erst in Deutschland zu singen und tut dies für seine Seele. Obwohl er kein gläubiger Mensch ist, besucht er die Synagoge aus Liebe zu seiner Frau.
Es gefällt ihm in Deutschland. Sein einziger Wunsch ist, dass der Frieden erhalten bleibt.

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Nicolae Hiltov
 
 
 
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